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Krisentheorie : Da staunte der Truthahn

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Talebs dreihundertsechzigseitige Intervention ist deshalb so interessant, weil sie zeigt, wie riesige Finanzökologien in ihrem System genau das gleiche anrichten, was der Mensch in seinem ökologischen Lebenssystem anrichtet. Dieser bereits von Jared Diamond erkannte Zusammenhang rechnet nicht mit langsamen, gleichsam evolutionären Krisenprozessen, sondern geht davon aus, dass Krisen schnell, plötzlich und unerwartet eintreten. Die Systeme, die wir aufgebaut haben, funktionieren aber nicht, weil sie vor diesen Krisen schützen, sondern sie funktionieren nur, solange diese Krisen nicht eintreten. Der Truthahn, der täglich so freundlich gefüttert wurde und darin jedesmal einen weiteren Beweis für die Funktionstüchtigkeit des Systems fand, fühlte sich am Tag vor seiner Schlachtung am sichersten.

Das ist viel mehr als eine - von Taleb in unzähligen Beispiele belegte - finanzhistorische Analyse. Das ist eine Aussage über einen fundamentalen Verlust an Sicherheit. Es ist eine Aussage über die Anwendbarkeit historischer und empirischer Erfahrung überhaupt - ein Mentalitätswandel, der einer der gesellschaftlichen Effekte dieser Krise sein wird. Die Finanzmärkte operierten mit Versprechen, die die Lebens- und Alterssicherheit der Menschen betrafen. Sie sagten sinngemäß: Unsere Erfahrung aus der Vergangenheit lehrt, das man Folgendes tun muss, um auf der sicheren Seite zu sein. Das war nichts anderes als „storytelling“, die Nacherzählung einer Geschichte, deren Ende man schon kennt - und es ist unmöglich, beim Erzählen einer Erinnerung oder einer Geschichte auszublenden, das man weiß, wie sie weitergeht. Die Implosion dieses Modells in den Finanzmärkten, die viele Verlierer und sehr wenige Gewinner kennt, infiziert auch das historische Bewusstsein und die Lebensgeschichte, die jeder Mensch sich selbst erzählt.

Experimentelles Verhältnis zur Welt

Es ist deshalb eine Illusion anzunehmen, die globale Finanzkrise werde sehr bald schon vergessen werden und einer neuer Routine weichen. Steinbrücks Satz, nichts werde mehr sein wie zuvor, ist von großer Weisheit. Die globale Finanzkrise, deren Ende nicht vorauszusehen ist, wird im Rückgriff die Erzählungen nicht verändern, sondern abrupt beenden - beispielsweise weil Menschen ihr Geld verloren haben oder sie erkennen müssen, dass Banken gestützt, aber Arbeitsplätze vernichtet werden. Vergangene Erfahrungen, seien sie persönlicher, politischer oder wirtschaftlicher Natur, werden als Projektionen für die Zukunft in Frage gestellt werden - oder, was noch wahrscheinlicher ist, als tragische Missverständnisse, als „Fehler“ verbucht werden. „In meiner ganzen Berufserfahrung“, so zitiert Taleb eine hübsche Quelle, „habe ich niemals einen Unfall irgendeiner nennenswerten Art gesehen. Ich habe einziges Mal in all meinen Jahren auf See ein Schiff in Seenot gesehen. Niemals habe ich ein Wrack gesehen und niemals bin ich schiffbrüchig gewesen, und niemals war ich in einer Situation, die drohte in irgendeiner Art von Disaster zu enden.“ Schrieb, 1907, E.J. Smith, Kapitän zur See, der fünf Jahre später das Kommando auf der „Titanic“ übernehmen sollte.

Es geht um ein experimentelles, spielerisches Verhältnis zur Welt - eines, worauf Taleb nachdrücklich hinweist, das vom Staat nicht zu erwarten ist. Es geht darum, das narrative Verhältnis zur Welt gegen ein experimentelles, eines von „trial and error“ auszutauschen. Taleb lobt die Restaurantkritiker, also diejenigen, die den armen Truthahn serviert bekommen. Sie sagen nicht, der Truthahn war gestern gut, er ist es auch heute. Sie benutzen „trial and error“ und beobachten die Resultate in der wirklichen Welt. „Schauen Sie sich die großen Erfindungen unserer Zeit an, Laser, Computer, Internet. Sie sind Ergebnisse von Spielen. Sie alle wurden etwas, was sie nicht werden sollten. Alle waren schwarze Schwäne. Die große Hoffnung für die Welt ist, dass, während wir mit der Welt und unseren Erfahrungen spielen, wir die Chance haben, das beste Ergebnis zu wählen.“

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