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Kriminalistische Literatur : Hat der Autor ein Motiv?

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Josef Hader in „Der Knochenmann” von Wolf Haas Bild: picture-alliance/ dpa

Wer die Welt nur aus dem Fernsehen oder dem Kriminalroman kennt, müsste glauben, unser Gemeinwesen werde vom Verbrechen regiert. Was aber bereitet uns daran so großes Vergnügen? Wie Friedrich Ani, Wolf Haas und Heinrich Steinfest die Unterhaltungsliteratur transzendieren.

          Mit dem Gesetz nimmt man es bei der Münchner Mordkommission nicht so genau. Das Kruzifix-Urteil jedenfalls findet im Dezernat keine Anwendung, auch wenn das Verhältnis von Staat und Religion gerade hier an einem empfindlichen Punkt berührt wird. Im Vernehmungsraum von Polonius Fischer, dem P-F-Zimmer, hängt ein Eichenholzkreuz an der Wand, und obwohl der Kommissar jeden Zeugen oder Verdächtigen fragt, ob ihn der Christus störe, bleibt dieser immer hängen, so als wüssten all die Schuldigen und Nichtschuldigen intuitiv, dass in Fischers imposanter Gestalt weltliche und geistliche Ordnung zusammenfallen. Tatsächlich aber geht der tragische Riss zwischen Strafgesetz und Gerechtigkeit mitten durch ihn hindurch: Das ganze Gewicht der gefallenen Welt lastet auf den Schultern des Ermittlers.

          Mit dem Ex-Mönch Polonius Fischer hat der Münchner Friedrich Ani einen Charakter geschaffen, der die neue Universalität des Kriminalromans eindrucksvoll verkörpert. Zwar war dieser immer schon ein Medium für alle möglichen Fragen jenseits des reinen Whodunnit; Soziales, Politisches, Theologisches und Moralisches gehören seit den Kindsmorden des Bürgerlichen Trauerspiels zum Kriminalfall dazu. Doch selten zuvor hat die crime story – sei es als Polizei-, Detektiv- oder Gerichtsmedizinergeschichte – einen so großen Raum unter den populären Erzählungen eingenommen. Wer die Welt nur aus dem Fernsehen kennt, müsste glauben, unser Gemeinwesen sei heillos in einem Morast von Verbrechen versunken.

          Tarnkappenflieger des Realismus

          Während im Alltag die Konfrontation mit der gesetzlosen Sphäre eine Ausnahmesituation ist, kommen die fiktionalen Darstellungen der Gegenwart gar nicht mehr ohne Kriminalität aus. Die Meisterwerke des Fernsehens haben dabei längst epische Qualität angenommen. Eine Comédie humaine der Gegenwart wie „The Wire“ noch als „Polizei-Serie“ zu bezeichnen klingt beinahe absurd; Ähnliches gilt für die deutsch-dänische Koproduktion „Kommissarin Lund“. Kein Wunder, dass angesichts solcher audiovisueller Konkurrenz bei der Lektüre so mancher Gegenwartsromane der Eindruck entsteht, „Realismus“ sei kein Anspruch an Weltwissen und Beobachtungsschärfe mehr, sondern nur eine altmodische, dem Publikum vertraute Erzählhaltung.

          Hanns Zischler (Hintergrund) als Polonius Fischer mit Christoph Waltz in „Todsünde” von Friedrich Ani

          Die deutschsprachige Literatur hat die Möglichkeiten der kriminalistischen Form lange ignoriert. Doch seit einigen Jahren treten Autoren hervor, die den Krimi als literarische Gattung selbstverständlich ernst nehmen: Friedrich Ani, Jahrgang 1959, Wolf Haas, Jahrgang 1960, und Heinrich Steinfest, Jahrgang 1961, gehören in vorderer Reihe dazu. Unterhaltungsliteratur schreiben alle drei höchstens in dem Sinne, in dem Friedrich Schiller einst den „Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“ erläuterte: Der Zweck der Schönen Künste, so heißt es in seinem Aufsatz von 1792, sei „Vergnügen auszuspenden und Glückliche zu machen. Spielend verleihen sie, was ihre ernstern Schwestern uns erst mühsam erringen lassen; sie verschenken, was dort erst der sauer erworbene Preis vieler Anstrengungen zu sein pflegt.“ Pure „Sinnlichkeit“, also Thrill und Sex und Schenkelklopfen, verstand Schiller unter Vergnügen nicht.

          Es kann kein Zufall sein, dass diese drei Krimiautoren, die alle in diesem Herbst einen neuen Roman veröffentlicht haben, beinahe gleich alt sind. Ihre Prägung als angehende Schriftsteller erlebten sie in den Achtzigern, als die deutsche Gegenwartsliteratur sich – vor der Postmoderne, also vor Süskinds „Parfüm“, vor Ransmayrs „Letzter Welt“ und vor der Popliteratur – überwiegend in Wahrnehmungsexerzitien und erzählerischer Magersucht erging und ebenso wortreich wie blutarm nachweisen wollte, dass Romanschreiben gar nicht mehr möglich ist. Der Krimi mag da als Tarnkappenflieger des Realismus unter dem Radar der Literaturüberwachung eine naheliegende Alternative gewesen sein, die auch später, als die Deutschen längst zum Erzählen und zur Unterhaltung zurückgefunden hatten, einen bequemen Standort am Rande des kritischen Betriebs erlaubte.

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