https://www.faz.net/-gqz-14c7b

Kriminalistische Literatur : Hat der Autor ein Motiv?

  • -Aktualisiert am

Spielerischer und ausgelassener geht es bei Heinrich Steinfest zu, der in seinem neuen Buch „Gewitter über Pluto“ die Krimiform nur von ferne zitiert, um sie dann in der Kollision mit James-Bond-Plot und Science-Fiction genüsslich in die Luft zu jagen. Schon die groteske Ausgangskonstellation – der erfolgreiche Pornodarsteller Lorenz Mohn fängt ein neues Leben an und eröffnet einen Strickwarenladen – ermöglicht einen ironischen Diskurs über E- und U-Kunst; der Regisseur seines letzten Streifens will einmal für Polanski gearbeitet haben. Das Geld für seine Existenzgründung hat Lorenz bei einer mysteriösen Dame mit Verbindungen zur Unterwelt geliehen. Als in dem Laden (der „Plutos Liebe“ heißt) eine Leiche auftaucht, scheint ein normaler Kriminalfall mit schrulligem Kommissar etc. seinen Lauf zu nehmen – doch nach Cameo-Auftritten von Ermittlern aus früheren Büchern versandet der Fall.

Die letzte Bastion der Humanität

Oder besser gesagt, er hebt total ab: Außerirdische Agenten von einem bislang unbekannten, erdähnlichen Planeten jenseits des Pluto treten auf, die allerlei merkwürdige Geschäfte zu erledigen haben und dabei eben auch über Leichen gehen. Die geheimnisvolle Alte entpuppt sich als Kopf eines weltumspannenden Alien-Netzes, in dem sich der in der Wolle gefärbte Pornostar versehentlich verfangen hat. Dass die Lösung des Falles ganz real aus dem Jenseits kommt, ist noch eine der harmlosen Volten in Steinfests Wundertüte. Während der Erzähler überdeutlich Zaunpfähle als Feldzeichen seiner demiurgischen Allmacht einrammt, wird geleugnet, dass es sich um einen Roman handelt: „Es geschieht, was geschehen muss, und niemand kann etwas daran ändern.“

Der Autor eines Kriminalromans trägt die schwere Last, für den Sinn und die logische Kohärenz seiner Welt selbst verantwortlich zu sein. Indem er Ursachen und Wirkungen koppelt, kann er dem Verbrechen einen Grund, dem Täter ein Motiv, ja sogar dem Bösen eine Rolle im Weltgefüge geben. Wenn Friedrich Ani mehrere Verbrechen rein zufällig zeitgleich und am selben Ort geschehen lässt, droht das Sinn-Universum zu implodieren. Bei Wolf Haas garantiert allein die Grammatik noch die rationale Struktur einer im Kern verrotteten Welt: Alles wird ihm zur Senkgrube. In Steinfests völlig losgelöster Zitatenfahndung schließlich ist an die Stelle detektivischer Beweisführung die hermeneutische Unterstellung getreten: „Was verlangen Sie?“, fragt einmal sein Kommissar, „Ich bin Kriminalist. Ich lebe von Zusammenhängen. Ich kann nicht vor die Leute hintreten und sagen, das alles sei nur geschehen, weil jemand ein Faible für die äußeren Planeten hat. Und dass wir alle an den Fäden reiner Willkur hängen. Nein, ich suche ein Motiv. Ich suche es, weil ich daran glaube. In einer Welt ohne Motive hätte ein Polizist keinen Platz.“

Wo moralisches Chaos herrscht, ist das principle of charity, das jeder Äußerung einen Vorschuss an Sinn gewährt, die letzte Bastion der Humanität. Ein Polonius Fischer, der nie Verhöre, sondern nur „Gespräche“ führt, verkörpert die Ordnung der Dinge, die Steinfest in seinem anything goes schon aufgegeben hat. Deswegen ist ein erpresstes Geständnis für Fischer der schlimmstmögliche Umschlag polizeilicher Vernunft in den Mythos.

Jeder Leser ist ein Kriminalist, der annehmen muss, dass die Welt seines Buches einen Sinn hat. Wenn alle Steinchen des Puzzles zusammenpassen, dann mag er ein Glücksgefühl des Zusammenhangs aller Dinge empfinden, das die gottverlassene Wirklichkeit nur im Wahn oder im Rausch bietet. Doch wenn er bei der Suche nach Motiven feststellt, dass das Erzählen reiner Willkür entspringt, kann das ebenso verstörend wie befreiend sein.

Weitere Themen

Topmeldungen

Impfzentrum in Gera, aufgenommen Mitte März.

Beschämende Impfbilanz : Das Haus, das Verrückte macht

Die deutsche Impfbilanz ist beschämend, die Kampagne kommt viel langsamer voran als es nötig wäre. Aber die Politiker stört ihr Unvermögen offenbar noch nicht einmal. Darin liegt der eigentliche Affront.
In einem Zimmer einer Intensivstation in einem Berliner Krankenhaus wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt.

RKI-Zahlen : Knapp 21.700 Neuinfektionen, Inzidenz steigt auf 153,2

Das Robert-Koch-Institut hat in den vergangenen 24 Stunden 21.693 Neuinfektionen und 342 neue Todesfälle registriert. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg auf 153,2. Die Osterfeiertage und Schulferien machen eine realistische Einschätzung der Lage jedoch schwierig.
Im Mittelpunkt der Kritik steht die von Kanzlerin Merkel angestrengte Ausgangssperre.

F.A.Z. Frühdenker : Das Infektionsschutzgesetz bleibt in der Kritik

Opposition und Fraktionen debattieren weiter über die neue Bundes-Notbremse. In New York geht das größte amerikanische Crypto-Unternehmen an die Börse. Die Nato beruft ein außerordentliches Treffen ein. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.