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Kriminalistische Literatur : Hat der Autor ein Motiv?

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Josef Hader in „Der Knochenmann” von Wolf Haas Bild: picture-alliance/ dpa

Wer die Welt nur aus dem Fernsehen oder dem Kriminalroman kennt, müsste glauben, unser Gemeinwesen werde vom Verbrechen regiert. Was aber bereitet uns daran so großes Vergnügen? Wie Friedrich Ani, Wolf Haas und Heinrich Steinfest die Unterhaltungsliteratur transzendieren.

          7 Min.

          Mit dem Gesetz nimmt man es bei der Münchner Mordkommission nicht so genau. Das Kruzifix-Urteil jedenfalls findet im Dezernat keine Anwendung, auch wenn das Verhältnis von Staat und Religion gerade hier an einem empfindlichen Punkt berührt wird. Im Vernehmungsraum von Polonius Fischer, dem P-F-Zimmer, hängt ein Eichenholzkreuz an der Wand, und obwohl der Kommissar jeden Zeugen oder Verdächtigen fragt, ob ihn der Christus störe, bleibt dieser immer hängen, so als wüssten all die Schuldigen und Nichtschuldigen intuitiv, dass in Fischers imposanter Gestalt weltliche und geistliche Ordnung zusammenfallen. Tatsächlich aber geht der tragische Riss zwischen Strafgesetz und Gerechtigkeit mitten durch ihn hindurch: Das ganze Gewicht der gefallenen Welt lastet auf den Schultern des Ermittlers.

          Mit dem Ex-Mönch Polonius Fischer hat der Münchner Friedrich Ani einen Charakter geschaffen, der die neue Universalität des Kriminalromans eindrucksvoll verkörpert. Zwar war dieser immer schon ein Medium für alle möglichen Fragen jenseits des reinen Whodunnit; Soziales, Politisches, Theologisches und Moralisches gehören seit den Kindsmorden des Bürgerlichen Trauerspiels zum Kriminalfall dazu. Doch selten zuvor hat die crime story – sei es als Polizei-, Detektiv- oder Gerichtsmedizinergeschichte – einen so großen Raum unter den populären Erzählungen eingenommen. Wer die Welt nur aus dem Fernsehen kennt, müsste glauben, unser Gemeinwesen sei heillos in einem Morast von Verbrechen versunken.

          Tarnkappenflieger des Realismus

          Während im Alltag die Konfrontation mit der gesetzlosen Sphäre eine Ausnahmesituation ist, kommen die fiktionalen Darstellungen der Gegenwart gar nicht mehr ohne Kriminalität aus. Die Meisterwerke des Fernsehens haben dabei längst epische Qualität angenommen. Eine Comédie humaine der Gegenwart wie „The Wire“ noch als „Polizei-Serie“ zu bezeichnen klingt beinahe absurd; Ähnliches gilt für die deutsch-dänische Koproduktion „Kommissarin Lund“. Kein Wunder, dass angesichts solcher audiovisueller Konkurrenz bei der Lektüre so mancher Gegenwartsromane der Eindruck entsteht, „Realismus“ sei kein Anspruch an Weltwissen und Beobachtungsschärfe mehr, sondern nur eine altmodische, dem Publikum vertraute Erzählhaltung.

          Hanns Zischler (Hintergrund) als Polonius Fischer mit Christoph Waltz in „Todsünde” von Friedrich Ani
          Hanns Zischler (Hintergrund) als Polonius Fischer mit Christoph Waltz in „Todsünde” von Friedrich Ani : Bild: Walter Wehner

          Die deutschsprachige Literatur hat die Möglichkeiten der kriminalistischen Form lange ignoriert. Doch seit einigen Jahren treten Autoren hervor, die den Krimi als literarische Gattung selbstverständlich ernst nehmen: Friedrich Ani, Jahrgang 1959, Wolf Haas, Jahrgang 1960, und Heinrich Steinfest, Jahrgang 1961, gehören in vorderer Reihe dazu. Unterhaltungsliteratur schreiben alle drei höchstens in dem Sinne, in dem Friedrich Schiller einst den „Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“ erläuterte: Der Zweck der Schönen Künste, so heißt es in seinem Aufsatz von 1792, sei „Vergnügen auszuspenden und Glückliche zu machen. Spielend verleihen sie, was ihre ernstern Schwestern uns erst mühsam erringen lassen; sie verschenken, was dort erst der sauer erworbene Preis vieler Anstrengungen zu sein pflegt.“ Pure „Sinnlichkeit“, also Thrill und Sex und Schenkelklopfen, verstand Schiller unter Vergnügen nicht.

          Es kann kein Zufall sein, dass diese drei Krimiautoren, die alle in diesem Herbst einen neuen Roman veröffentlicht haben, beinahe gleich alt sind. Ihre Prägung als angehende Schriftsteller erlebten sie in den Achtzigern, als die deutsche Gegenwartsliteratur sich – vor der Postmoderne, also vor Süskinds „Parfüm“, vor Ransmayrs „Letzter Welt“ und vor der Popliteratur – überwiegend in Wahrnehmungsexerzitien und erzählerischer Magersucht erging und ebenso wortreich wie blutarm nachweisen wollte, dass Romanschreiben gar nicht mehr möglich ist. Der Krimi mag da als Tarnkappenflieger des Realismus unter dem Radar der Literaturüberwachung eine naheliegende Alternative gewesen sein, die auch später, als die Deutschen längst zum Erzählen und zur Unterhaltung zurückgefunden hatten, einen bequemen Standort am Rande des kritischen Betriebs erlaubte.

          Wie einst im Kloster

          Wolf Haas hat es mit seinen Krimis um den Privatdetektiv Simon Brenner am weitesten aus der Genre-Ecke heraus geschafft. 2003 hatte Haas in „Das ewige Leben“ seiner Serie ein scheinbar unumstößliches Ende gesetzt, in dem nicht etwa die Hauptfigur, sondern den Erzähler eine verirrte Kugel traf. Das war ein konsequenter Showdown, war doch das Alleinstellungsmerkmal dieser Romane nicht der streng logische, aber unwahrscheinlich verwickelte Plot, sondern dessen Präsentation in einer mundartlich anmutenden, sentenzenreichen Kunstsprache, die einem schwadronierenden Kneipenphilosoph alle Ehre machen würde. Der kauzige, eher intuitiv vorgehende Brenner wurde erst in der bewundernd-jovialen Suada des Erzählerkumpels zum Original mit Kultstatus.

          Wenn Haas nun in seinem jüngsten Roman „Der Brenner und der liebe Gott“ (siehe Rezension: Wolf Haas' „Der Brenner und der liebe Gott“) wie selbstverständlich weitererzählt und den inzwischen zum Privatchauffeur und Kindermädchen abgestiegenen Brenner einen Sündenpfuhl aus Korruption und Bauspekulation trockenlegen lässt, dann setzt er damit auch eine selbstironische erzähltheoretische Pointe. Denn nur wenn der Autor selbst jener Gott ist, den der Brenner kurz vor dem Ableben in der Jauchegrube von Angesicht zu Angesicht sieht, dann kann er den Erzähler aus dem Jenseits munter weiterquasseln lassen. „Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.“ Figuren können sterben, die Stimme hat das ewige Leben.

          Friedrich Ani ist der ernsthafteste unter den dreien, auch derjenige, der die Fälle am schärfsten zu moralischen Streitfragen zuspitzt. Gerade seine falschen Fährten führen mitten hinein in soziale Abgründe. In „Idylle der Hyänen“ (2006), dem ersten Polonius-Fischer-Buch, stellt sich eine Kindesentführung als Versuch einer Seelenrettung vor der lieblosen Mutter heraus; Mord und Vergewaltigung könnten hier Tötung auf Verlangen gewesen sein. Ani konfrontiert den ruhig beobachtenden Menschenkenner Fischer mit Grenzfällen, in denen die polizeilichen Ermittlungstechniken vor der Vielschichtigkeit der menschlichen Handlungsmotive kapitulieren müssen. Verbrechen aus Mitleid, aus übergroßer Aufmerksamkeit für das Geschehen „hinter blinden Fenstern“ sind ein ewiger Stachel für die Beamten vom Dezernat 111, die intern nur „die zwölf Apostel“ genannt werden, weil Fischer ihnen wie einst im Kloster vorliest.

          Pornodarsteller im Strickwarenladen

          In „Totsein verjährt nicht“, dem neuen Roman, rollt Fischer den sechs Jahre zurückliegenden Fall eines verschwundenen Mädchens wieder auf, der ihm seinerzeit entzogen worden war. Ein geistig behinderter Mann war nach fragwürdigen Ermittlungen verurteilt worden. Unter starker Anspannung – seine Freundin, eine Taxifahrerin, liegt nach einem Raubüberfall im Koma – versucht Fischer im Alleingang den vermeintlichen Justizirrtum zu revidieren. Anders als in den Vorgängern liegt die moralische Ambivalenz nicht beim Täter, sondern beim obsessiven Polizisten, der sich zunehmend isoliert und sogar gewalttätig wird. Anis genreuntypisches Verfahren, seinen Helden im dritten Buch in ganz neuem Licht zu zeigen, ist riskant. Doch schlägt er zugleich einen Bogen über alle drei Bände, da erst jetzt das zuvor stets nur angedeutete Kindheitstrauma Fischers vollständig aufgedeckt wird.

          Einmal liest Fischer der versammelten Mordkommission aus einem Roman von Per Olov Enquist vor. Von einer Antenne an einer Holzhütte in Västerbotten ist da die Rede, mit dem „ein Gesang von schwarzen, toten Sternen“ aufgezeichnet wird, eine „Himmelsharfe“. Dass das Schweigen des Alls nicht ewig währen wird, ist die leise Hoffnung dieses modernen Hiob, für den jedes Verbrechen die Frage nach der Rechtfertigung Gottes neu aufwirft.

          Spielerischer und ausgelassener geht es bei Heinrich Steinfest zu, der in seinem neuen Buch „Gewitter über Pluto“ die Krimiform nur von ferne zitiert, um sie dann in der Kollision mit James-Bond-Plot und Science-Fiction genüsslich in die Luft zu jagen. Schon die groteske Ausgangskonstellation – der erfolgreiche Pornodarsteller Lorenz Mohn fängt ein neues Leben an und eröffnet einen Strickwarenladen – ermöglicht einen ironischen Diskurs über E- und U-Kunst; der Regisseur seines letzten Streifens will einmal für Polanski gearbeitet haben. Das Geld für seine Existenzgründung hat Lorenz bei einer mysteriösen Dame mit Verbindungen zur Unterwelt geliehen. Als in dem Laden (der „Plutos Liebe“ heißt) eine Leiche auftaucht, scheint ein normaler Kriminalfall mit schrulligem Kommissar etc. seinen Lauf zu nehmen – doch nach Cameo-Auftritten von Ermittlern aus früheren Büchern versandet der Fall.

          Die letzte Bastion der Humanität

          Oder besser gesagt, er hebt total ab: Außerirdische Agenten von einem bislang unbekannten, erdähnlichen Planeten jenseits des Pluto treten auf, die allerlei merkwürdige Geschäfte zu erledigen haben und dabei eben auch über Leichen gehen. Die geheimnisvolle Alte entpuppt sich als Kopf eines weltumspannenden Alien-Netzes, in dem sich der in der Wolle gefärbte Pornostar versehentlich verfangen hat. Dass die Lösung des Falles ganz real aus dem Jenseits kommt, ist noch eine der harmlosen Volten in Steinfests Wundertüte. Während der Erzähler überdeutlich Zaunpfähle als Feldzeichen seiner demiurgischen Allmacht einrammt, wird geleugnet, dass es sich um einen Roman handelt: „Es geschieht, was geschehen muss, und niemand kann etwas daran ändern.“

          Der Autor eines Kriminalromans trägt die schwere Last, für den Sinn und die logische Kohärenz seiner Welt selbst verantwortlich zu sein. Indem er Ursachen und Wirkungen koppelt, kann er dem Verbrechen einen Grund, dem Täter ein Motiv, ja sogar dem Bösen eine Rolle im Weltgefüge geben. Wenn Friedrich Ani mehrere Verbrechen rein zufällig zeitgleich und am selben Ort geschehen lässt, droht das Sinn-Universum zu implodieren. Bei Wolf Haas garantiert allein die Grammatik noch die rationale Struktur einer im Kern verrotteten Welt: Alles wird ihm zur Senkgrube. In Steinfests völlig losgelöster Zitatenfahndung schließlich ist an die Stelle detektivischer Beweisführung die hermeneutische Unterstellung getreten: „Was verlangen Sie?“, fragt einmal sein Kommissar, „Ich bin Kriminalist. Ich lebe von Zusammenhängen. Ich kann nicht vor die Leute hintreten und sagen, das alles sei nur geschehen, weil jemand ein Faible für die äußeren Planeten hat. Und dass wir alle an den Fäden reiner Willkur hängen. Nein, ich suche ein Motiv. Ich suche es, weil ich daran glaube. In einer Welt ohne Motive hätte ein Polizist keinen Platz.“

          Wo moralisches Chaos herrscht, ist das principle of charity, das jeder Äußerung einen Vorschuss an Sinn gewährt, die letzte Bastion der Humanität. Ein Polonius Fischer, der nie Verhöre, sondern nur „Gespräche“ führt, verkörpert die Ordnung der Dinge, die Steinfest in seinem anything goes schon aufgegeben hat. Deswegen ist ein erpresstes Geständnis für Fischer der schlimmstmögliche Umschlag polizeilicher Vernunft in den Mythos.

          Jeder Leser ist ein Kriminalist, der annehmen muss, dass die Welt seines Buches einen Sinn hat. Wenn alle Steinchen des Puzzles zusammenpassen, dann mag er ein Glücksgefühl des Zusammenhangs aller Dinge empfinden, das die gottverlassene Wirklichkeit nur im Wahn oder im Rausch bietet. Doch wenn er bei der Suche nach Motiven feststellt, dass das Erzählen reiner Willkür entspringt, kann das ebenso verstörend wie befreiend sein.

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