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Kriminalistische Literatur : Hat der Autor ein Motiv?

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Wie einst im Kloster

Wolf Haas hat es mit seinen Krimis um den Privatdetektiv Simon Brenner am weitesten aus der Genre-Ecke heraus geschafft. 2003 hatte Haas in „Das ewige Leben“ seiner Serie ein scheinbar unumstößliches Ende gesetzt, in dem nicht etwa die Hauptfigur, sondern den Erzähler eine verirrte Kugel traf. Das war ein konsequenter Showdown, war doch das Alleinstellungsmerkmal dieser Romane nicht der streng logische, aber unwahrscheinlich verwickelte Plot, sondern dessen Präsentation in einer mundartlich anmutenden, sentenzenreichen Kunstsprache, die einem schwadronierenden Kneipenphilosoph alle Ehre machen würde. Der kauzige, eher intuitiv vorgehende Brenner wurde erst in der bewundernd-jovialen Suada des Erzählerkumpels zum Original mit Kultstatus.

Wenn Haas nun in seinem jüngsten Roman „Der Brenner und der liebe Gott“ (siehe Rezension: Wolf Haas' „Der Brenner und der liebe Gott“) wie selbstverständlich weitererzählt und den inzwischen zum Privatchauffeur und Kindermädchen abgestiegenen Brenner einen Sündenpfuhl aus Korruption und Bauspekulation trockenlegen lässt, dann setzt er damit auch eine selbstironische erzähltheoretische Pointe. Denn nur wenn der Autor selbst jener Gott ist, den der Brenner kurz vor dem Ableben in der Jauchegrube von Angesicht zu Angesicht sieht, dann kann er den Erzähler aus dem Jenseits munter weiterquasseln lassen. „Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.“ Figuren können sterben, die Stimme hat das ewige Leben.

Friedrich Ani ist der ernsthafteste unter den dreien, auch derjenige, der die Fälle am schärfsten zu moralischen Streitfragen zuspitzt. Gerade seine falschen Fährten führen mitten hinein in soziale Abgründe. In „Idylle der Hyänen“ (2006), dem ersten Polonius-Fischer-Buch, stellt sich eine Kindesentführung als Versuch einer Seelenrettung vor der lieblosen Mutter heraus; Mord und Vergewaltigung könnten hier Tötung auf Verlangen gewesen sein. Ani konfrontiert den ruhig beobachtenden Menschenkenner Fischer mit Grenzfällen, in denen die polizeilichen Ermittlungstechniken vor der Vielschichtigkeit der menschlichen Handlungsmotive kapitulieren müssen. Verbrechen aus Mitleid, aus übergroßer Aufmerksamkeit für das Geschehen „hinter blinden Fenstern“ sind ein ewiger Stachel für die Beamten vom Dezernat 111, die intern nur „die zwölf Apostel“ genannt werden, weil Fischer ihnen wie einst im Kloster vorliest.

Pornodarsteller im Strickwarenladen

In „Totsein verjährt nicht“, dem neuen Roman, rollt Fischer den sechs Jahre zurückliegenden Fall eines verschwundenen Mädchens wieder auf, der ihm seinerzeit entzogen worden war. Ein geistig behinderter Mann war nach fragwürdigen Ermittlungen verurteilt worden. Unter starker Anspannung – seine Freundin, eine Taxifahrerin, liegt nach einem Raubüberfall im Koma – versucht Fischer im Alleingang den vermeintlichen Justizirrtum zu revidieren. Anders als in den Vorgängern liegt die moralische Ambivalenz nicht beim Täter, sondern beim obsessiven Polizisten, der sich zunehmend isoliert und sogar gewalttätig wird. Anis genreuntypisches Verfahren, seinen Helden im dritten Buch in ganz neuem Licht zu zeigen, ist riskant. Doch schlägt er zugleich einen Bogen über alle drei Bände, da erst jetzt das zuvor stets nur angedeutete Kindheitstrauma Fischers vollständig aufgedeckt wird.

Einmal liest Fischer der versammelten Mordkommission aus einem Roman von Per Olov Enquist vor. Von einer Antenne an einer Holzhütte in Västerbotten ist da die Rede, mit dem „ein Gesang von schwarzen, toten Sternen“ aufgezeichnet wird, eine „Himmelsharfe“. Dass das Schweigen des Alls nicht ewig währen wird, ist die leise Hoffnung dieses modernen Hiob, für den jedes Verbrechen die Frage nach der Rechtfertigung Gottes neu aufwirft.

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