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Kookbooks in Not : Mäzene statt Investoren

  • -Aktualisiert am

Findige Verlegerin: Daniela Seel Bild: Michael Hauri

Kookbooks hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Adressen für Lyrik im deutschsprachigen Raum gemausert. Der Verlag steckt in Schwierigkeiten, und Verlegerin Daniela Seel hat in Berlin zu einer Gala zur Ökonomie der Dichtung geladen.

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          Wir alle haben gerade ein paar Nullen zu viel im Ohr. Milliardenpakete hier und Millionenverluste da, und plötzlich steht da die Besitzerin eines ganz normalen Kleinunternehmens in der Buchbranche und sagt: Zehntausend brauchen wir, dreifünf haben wir schon. Wie bitte? Das ist doch ein Zahlen-Klacks, das kann doch nicht ernst gemeint sein. Das sind doch heute keine Beträge mehr.

          Und dann erzählt Daniela Seel, Leiterin des Lyrikverlags Kookbooks, dass man im vergangenen Jahr plötzlich zwei Monate hintereinander fatal viele Remittenden gehabt habe und die das ganze Geld aufgefressen hätten. Dass die Banken einem Kleinverlag noch nicht einmal einen Dispokredit fürs Girokonto gäben und dass die Druckerei längst die Funktion des Kreditgebers erfülle, indem sie die Außenstände regelmäßig stunde. Und dass man es nicht denjenigen nachmachen wolle, die für eine ökonomische Absicherung ihre verlegerische Unabhängigkeit aufs Spiel setzten.

          Für den Kulturbetrieb ist ein Lyrikverlag systemrelevant

          Deswegen hat Daniela Seel die Aktion „Kunst braucht Mäzene“ ins Leben gerufen. Eigene Autoren und befreundete Künstler haben dafür Zeichnungen, Autographen und Fotografien zur Verfügung gestellt, deren Auktionserlöse dem Verlag etwas Luft und auch öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen sollen (zu sehen unter www.kunstbrauchtmaezene.blogspot.com). Auch Volker Reiche, „Strizz“-Zeichner dieser Zeitung, verfertigte als Jahresgabe eine lyrische Szene mit Tassilo und Herrn Paul, die dem kühnen Verlagsmotto „Poesie als Lebensform“ huldigen.

          Kookbooks hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Adressen für Lyrik im deutschsprachigen Raum gemausert, ein Gutteil der wichtigen neuen Stimmen wird hier verlegt: Uljana Wolf, Monika Rinck, Steffen Popp, Daniel Falb, Henrik Jackson oder Christian Schloyer, wobei jedes ihrer Bücher haptisch und optisch bibliophilen Charakter hat, unverwechselbar gestaltet vom Grafiker Andreas Töpfer. Das ist trotz fortgesetzter Selbstausbeutung aller Beteiligten ein teures Lesevergnügen. „Kunst braucht Mäzene“ soll auch ein Bewusstsein dafür schärfen, dass ein Verlag nicht einfach Rechte an Werken verwertet, sondern viel umfassender dafür arbeitet, „deren Schaffung zu ermöglichen, zu befördern und ihnen schönstmögliche Gestalt zu geben“. Mit anderen Worten, dass Verlage keine reinen Wirtschaftsunternehmen sind, sondern kulturelle Institutionen, deren Gedeih und Verderb einer Gesellschaft mindestens so wichtig sein sollten wie die ihrer Autozulieferer. Für den Kulturbetrieb ist ein Lyrikverlag systemrelevant. Too big to fail, literarische Größe miteinkalkuliert.

          „Bin ich noch Boheme oder schon die Unterschicht?“

          In den Berliner Sophienhöfen fand nun, im angemessen angebröckelten Mitte-Ambiente, die Abschlussgala der Aktion statt; sympathisierende und sich solidarisierende Autoren und Musiker, unter ihnen Thomas Hettche, Ulrich Peltzer oder Tilman Rammstedt, brachten mehr oder weniger thematisch Passendes zum Vortrag. Katja Lange-Müller erzählte davon, wie sie auf Lesereise in Skandinavien einmal - „arbeitsfaul, behördenscheu und chancenblind“ - die ökonomische Gelegenheit ihres Lebens verpasste - die deutsche Alleinvertretung für originalpatentierte finnische Gymnastikhosen. Jan Böttcher und die Schriftstellerband „Fön“ trugen ihre ironischen Rückblicke auf westdeutsche Wohlstandskindheiten vor; während Christiane Rösinger, Sängerin von „Britta“, mit ihrer Hymne auf das digitale Prekariat einer ebenfalls schon überlebten Epoche huldigte: „Bin ich noch Boheme oder schon die Unterschicht?“ - solche Fragen werden in der Finanzkrise bald nicht nur die kleine Autorenszene von Berlin-Mitte betreffen.

          In den Pausen konnte man die Werke bewundern, herrlich verschlungene Gedicht-Manuskripte, konkrete Poesie und gezeichneten Sprachwitz, Fotos, Holzschnitte, Grafiken. Von Buchillustrator Andreas Töpfer stammt auch das Logo der nun noch ein paar Wochen verlängerten Aktion: eine Adaption des Sterntaler-Märchens. Während Investoren Geld gäben, um mehr Geld herauszubekommen, wollten Mäzene, dass „mehr Schönheit in die Welt kommt“. Romantischer geht es nicht mehr, aber wann, wenn nicht in dieser Zeit des Versagens all unserer nüchternen Zahlen- und Figurenwelten, wäre es Zeit für eine neue Romantik?

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