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Katharina Hacker und Suhrkamp : Chronik einer Zerrüttung

  • -Aktualisiert am

Die Freiheit steckt im Weißraum: Mit dem Erscheinen ihres neuen Romans beendet Katharina Hacker die Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag. Das Haus hat ihre Wünsche missachtet.

          An diesem Montag erscheint der neue Roman von Katharina Hacker im Suhrkamp Verlag. „Alix, Anton und die anderen“ markiert einen Anfang und zugleich einen Endpunkt. Einen Anfang, weil dies der erste einer auf drei Teile angelegten Romanreihe ist, in der Katharina Hacker sich mit diesen Personen und ihrem Kosmos beschäftigen will. Einen Endpunkt, weil dies das letzte Buch Hackers bei Suhrkamp sein wird - und selbst als solches erscheint es gegen den Willen der Autorin. Insofern markiert dieses Werk, das von Freundschaft handelt und der Achtsamkeit, die dazugehört, auch den Tiefpunkt der Beziehung zwischen einer der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen und ihrem langjährigen Verlag.

          Bereits im Juni hatte Katharina Hacker die Leitung des Suhrkamp Verlags schriftlich gebeten, sie gehen zu lassen. Da war der neue, bisher vierte Roman der zweiundvierzigjährigen, in Berlin lebenden Autorin in der Programmvorschau für den Herbst allerdings schon angezeigt. Ulla Unseld-Berkéwicz, so Hacker, habe ihr zurückgeschrieben, sie bestehe auf dem Roman. Schließlich sei das Buch vorangekündigt und von Verlagsseite bereits Arbeit in das Projekt geflossen. „Um eine sich womöglich Monate hinziehende juristische Auseinandersetzung zu vermeiden (der Roman war angekündigt, einen Vertrag gab es aber nicht), hat in meinem Namen ein Rechtsanwalt dem Verlag die Hardcover-Rechte an dem Manuskript, wie es zu jenem Zeitpunkt vorlag, angeboten. Ulla Unseld hat diese Rechte gekauft. Die fünfzehnjährige Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag ist für mich mit diesem Buch beendet.“ So steht es seit einigen Wochen in einer Presseerklärung auf der Internetseite der Autorin (www.katharinahacker.de). Und weiter: „Ein Lektorat hat nicht stattgefunden.“

          „Kleine Unfreundlichkeiten, Geringschätzungen, Unachtsamkeit“

          Hinter den dürren, in sachlichem Ton gehaltenen Sätzen steckt ein Konflikt, der die branchenüblichen Querelen weit übersteigt: eine Buchveröffentlichung, die die Absichten der Verfasserin missachtet. Die Beziehung zwischen der Schriftstellerin und dem Verlag ist offenbar zerrüttet, trotzdem müssen beide Seiten jetzt gute Miene zum bösen Spiel machen, um dem Kind, für das beide Sorge tragen, nicht noch mehr zu schaden, als es eine Trennung ohnedies schon tut.

          Die Gründe dafür, dass ein Autor den Verlag wechselt, können vielfältig sein. Oft haben sie mit Geld zu tun, bisweilen auch mit entscheidenden inhaltlichen oder persönlichen Differenzen zwischen Autor und Verleger. Manchmal ist die Zeit aber auch einfach reif für eine Veränderung - wie es bei Katharina Hacker der Fall zu sein scheint. Nachdem sie sich zum Verlagswechsel entschlossen hatte, konnte es dafür aus ihrer Sicht keinen logischeren, sinnvolleren Zeitpunkt geben als mit diesem Buch, an dem sie fast vier Jahre lang gearbeitet hat und das einen neuen Werkzyklus einläutet. Dass bei ihrem Weggang neben nicht ungewöhnlichen Autoreneitelkeiten - wer wollte nicht Spitzentitel sein? - und finanziellen Überlegungen auch Umgangsfragen eine Rolle gespielt haben dürften, macht sie deutlich: „In der Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag habe ich nun gelernt, wie kleine Unfreundlichkeiten, Geringschätzungen, Unachtsamkeit sich ausbreiten, von einer Handlung zur nächsten, von einem Menschen zum nächsten.“

          Gegen ihren Wunsch und ihre ästhetische Absicht

          Dass Verleger die Autoren, die sie aufgebaut haben, zu halten versuchen, zumal wenn sie dann so anerkannt und erfolgreich sind wie Katharina Hacker, gehört zum Geschäft; das Vorgehen aber, sie notfalls gegen ihren Willen zum Bleiben zu zwingen, trägt despotische Züge. Die Frage, ob Hackers Einwilligung, ihren Roman in der Vorschau anzukündigen, bereits einen bindenden Vorvertrag darstellt, mag juristisch legitim sein; auf persönlicher Ebene muss ein solches Vorgehen irritierend wirken. Nebenbei erinnert der jetzige Fall an einen anderen überflüssigen Streit vom letzten Jahr, als Suhrkamp bei keinem Geringeren als Marcel Reich-Ranicki auf die Vertragserfüllung bei einem Buch pochte, das dieser lieber anderswo publiziert hätte.

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