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Jahresbilanz : Der Buchmarkt trotzt der Krise noch

Das Buch bleibt begehrt. Wenn auch nicht in jedem Fall so sehr wie „Harry Potter” Bild: dpa

Es ist eine winzige Zahl, die gleichwohl Hoffnung macht: Um 0,4 Prozent ist überraschenderweise der Umsatz der Buchbranche gewachsen. Im Internet aber lauern Gefahren: Ganze Segmente des gedruckten Buchs verschwinden.

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          Auch in der Welt der Literatur geht es mitunter nüchtern zu. Liegen Zahlen und Bilanzen auf dem Tisch, spricht man dann lieber vom Buchmarkt. Dass der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, jetzt im Frankfurter Literaturhaus für eine winzige Zahl so große Worte fand, ist jedoch keiner überbordenden Phantasie geschuldet.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Das deutsche Buchgeschäft, das 2008 einen Umsatz von fast zehn Milliarden Euro erwirtschaftet hat, erzielte im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 0,4 Prozent. Banken und Warenhäuser implodieren, die Autobranche liegt danieder, das Buch aber zeigt sich von den weltweiten Erschütterungen unbeeindruckt. Freilich ist es nur eine kleine Erfolgsgeschichte, die dieser Markt seit 1950 zu erzählen hat, mit spärlichen Zuwächsen meist zwischen 1,1 und 1,6 Prozent. Doch die bleiben hierzulande, anders als etwa in Amerika, auch in diesen Zeiten konstant.

          Die Zahlen lassen hoffen

          Dass der Buchmarkt quer zur wirtschaftlichen Lage steht und keine roten Zahlen schreibt, sei das „eigentlich Überraschende“, meinte deshalb Honnefelder gut gelaunt. Die Krise sei bei den Büchern nicht angekommen – noch nicht, muss man hinzufügen. Doch selbst die Zahlen der ersten fünf Monate des Jahres 2009, die einen Zuwachs von 1,4 Prozent aufweisen, lassen manchen in der Branche hoffen, dass dies so bleibt. Indirekte Verluste sind dennoch entstanden, etwa dadurch, dass gebundene Belletristik-Bücher in den letzten fünf Jahren fast zwei Euro billiger wurden, die Herstellungskosten gleichwohl gestiegen sind. Und natürlich kämpft auch der Buchmarkt, vor allem die großen Ketten wie Thalia oder Hugendubel sind ans Ende ihres Flächenwachstums gestoßen. Sollte es im Herbst zu großen Entlassungswellen in der deutschen Wirtschaft kommen, könnte sich manche Hoffnung noch als trügerisch erweisen.

          Warum sich das Buch als ein in stürmischen Zeiten vergleichsweise geschmeidiges Gut erweist, gründet sich auf zweierlei. Ganz offensichtlich wenden sich die Menschen in der Krise vom medialen Getöse ab und suchen andere Werte. Klar ist aber auch, dass, wer sparen muss, sich ein Buch noch immer eher leisten kann als einen neuen iPod oder eine Reise ins Ausland. Eine ganz andere, strukturelle Herausforderung stellt das Internet dar, das nach der Film- und der Musikbranche nun auch das Buchgeschäft massiv verändert. Der rasant wachsende Online-Verkauf von Büchern mit Zuwachsraten von jährlich zwanzig Prozent mischt die klassischen Vertriebswege auf. Den Internetgrößen Amazon und Weltbild haben die Buchhändler bislang wenig entgegenzusetzen.

          Ein tödlicher Virus

          Für ganze Segmente des gedruckten Buchs, neben Enzyklopädien auch Wörterbücher, Straßenkarten und Reiseführer, hat sich das Internet sogar als tödlicher Virus erwiesen; sie verschwinden vom Markt. Mit der Digitalisierung einher geht zudem die Bedrohung durch Raubkopien im großen Stil. Davon sind neben Wissenschaftspublikationen vor allem Hörbücher betroffen. Oft teuer und aufwendig produziert, finden sie sich kurz nach Erscheinen allesamt illegal im Netz wieder und werden wie im Fall von „Harry Potter“ oder Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ millionenfach heruntergeladen.

          Alexander Skipis vom Börsenverein erläuterte das „Geschäftsmodell“ der Betreiber, die zur „organisierten Kriminalität“ zählen und deren Server in Iran oder in Russland stehen: Es basiert auf Werbung und Gebühren, die den Nutzern der illegalen Downloads beispielsweise dafür abverlangt werden, dass ihnen als sogenannten „Premiumnutzern“ lange Wartezeiten erspart bleiben. Fast schon verzagt klang angesichts solch krimineller Raffinesse die von Skipis wiederholte Bitte an die Bundesregierung, dem Missbrauch rechtlich entgegenzutreten. Allein die dritte digitale Dimension, die den Literaturbetrieb im vergangenen Jahr am meisten beschäftigte, stufte der Börsenverein jetzt als gefahrlos ein. Mitnichten leite das Aufkommen der elektronischen Lesegeräte das Ende der physischen Bücher ein, hob Honnefelder hervor. Mit Zahlen zu den E-Books konnte der Börsenverein allerdings noch nicht aufwarten.

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