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Indiens Literaturakademie : Sind so viele Muttersprachen

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Bücher-Markt in Kalkutta Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Für jede Familie ein Regal mit einheimischer Literatur: Das ist der ehrgeizige Wunsch der Sahitya Akademi, Indiens Literaturakademie. Sie vermittelt zwischen zwei Dutzend indischen Sprachen, denn es fehlt eine professionelle Übersetzungskultur auf dem Subkontinent.

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          Im Zentrum von Neu-Delhi, dort, wo Museen und Institute eine kleine Kulturmeile bilden, steht auch der mehrstöckige Rabindra Bhavan in der Feroze Shah Road. In ihren verstopften Büros hat die indische Literaturakademie, die Sahitya Akademi, ihren Hauptsitz. Das Haus trägt den Namen von Rabindranath Tagore, dem indischen Nationaldichter und bisher einzigen Literaturnobelpreisträger aus Indien.

          Im Jahr 1913 erhielt er den Nobelpreis aufgrund eines schmalen Buches lyrischer Prosa, das zwar den bengalischen Namen „Gitanjali“ trug, das Tagore jedoch in englischer Sprache geschrieben hatte. Vorher hatte ihn nur das Bengalisch sprechende Volk gelesen; mit seiner eigenen Übertragung wurde Tagore der Welt bekannt. Hier zeigt sich die Schwierigkeit, die zur wichtigsten Herausforderung der Sahitya Akademi geworden ist: die in vielen Regionalsprachen aufgesplitterten Literaturen untereinander und nach außen zu vermitteln. Um diese Literaturen zunächst einander bekannt zu machen, hat die Sahitya Akademi als erste im Land ein umfangreiches Übersetzungsprogramm gegründet.

          Identitätsgefühl durch Sprache

          Die Sahitya Akademi erkennt vierundzwanzig Sprachen als förderungswürdig an. Dazu zählen nicht nur die großen regionalen Sprachen wie Hindi, Bengalisch, Marathi, Gujarati, Panjabi, Tamil, Malayalam und Kannada, sondern auch kleine Sprachen wie Konkani, das in Goa gesprochen wird, und Stammessprachen wie Santhali. Indien als Nation war von den Engländern entsprechend der Sprachgrenzen in Bundesländer unterteilt worden. Ein so bunt gemischter Vielvölkerstaat wie Indien, der vor seiner Unabhängigkeit niemals Gelegenheit hatte, sich wirklich als eine Nation zu fühlen, kann nur zusammengehalten werden, wenn jedem einzelnen Volksteil gebührende Beachtung geschenkt wird; wenn die Identität jedes Volksteils gewahrt und sich jedes Volk als Teil des Ganzen der indischen Nation fühlen darf. Identitätsgefühl bildet sich in Indien im Wesentlichen durch die linguistische Zugehörigkeit und die kulturelle Betätigung durch Sprache. Sie zu stärken ist die wesentliche und schwierige Aufgabe der Sahitya Akademi.

          Einziger indischer Nobelpreisträger und Identifikationsfigur über die indische Sprachenvielfalt hinweg: Tagore

          Die Akademie unterhält Regionalbüros in Kalkutta, Bangalore, Madras und Bombay. Ich besuche den Direktor in Kalkutta, Ramkumar Mukhopadhyay, dessen Tätigkeitsbereich nicht nur Bengalen, sondern auch die sieben Provinzen des Nordostens umfasst. Umtost vom Straßenverkehr, sitzt er in seinem kleinen Büro im vierten Stock, bietet gezuckerten Tee an, beantwortet Anrufe von drei Telefonapparaten und gibt seinem Assistenten, der immer wieder hereinschaut, Instruktionen. Zwischendurch unterhält er sich angeregt, ohne den Faden zu verlieren. Er gibt Beispiele seines Übersetzungsprogramms: Romane, Theaterstücke, Erzählungen und Lyrik aus dem Hindi, aus Oriya, Assamesisch, aus dem Urdu hat er ins Bengalische übersetzen lassen. Er betont, dass die Übersetzungen von den indigenen Sprachen ins Englische, womit die Sahitya Akademi ihr Programm begonnen hatte, nicht mehr so dringlich sind wie früher. Denn in den letzten zehn Jahren haben mehrere große englischsprachige Verlage, darunter Oxford University Press und Penguin Books, die Übersetzung regionaler Literatur ins Englische auf ihre Fahne geschrieben. Offenbar mit Erfolg, denn die Backlist eines jeden Verlags wächst und wächst.

          Nicht nur handfeste Ergebnisse

          Die Sahitya Akademi in Kalkutta konzentriert sich darum auf die Übersetzung innerhalb der indischen Sprachen. So sind Märchensammlungen aus dreizehn Sprachen in Bengalisch erschienen. Mukhopadhyay will auch die vorkoloniale Literatur erfassen und übersetzen. Und eine Serie von Wörterbüchern ist in Arbeit, so dass bald Bengalisch in jeder indischen Sprache verständlich wird. Mukhopadhyay beschränkt sich keineswegs auf die vierundzwanzig offiziellen Sprachen. Sein Büro unterhält ein Zentrum für orale Literatur in Shillong am Fuß des Himalaja. Dort werden nichtschriftliche Literaturen erfasst und in anderen Sprachen zugänglich gemacht. Man spürt, dass ihm die Provinzen des Nordostens am Herzen liegen, weil sie weitab von den Machtzentren des Landes liegen und sich kulturell isoliert fühlen.

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