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Im Gespräch: Michael Braungart : Können wir unsere Erde retten, Herr Braungart?

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Braungarts Motto: In Kreisläufen denken Bild: F.A.Z. - Burkhard Neie

Der Wissenschaftler Michael Braungart gilt seit der Veröffentlichung des Buches „Cradle to Cradle“ (deutsch: „Einfach intelligent produzieren“), vielen als Retter der Welt. Im F.A.Z.-Interview erklärt er sein Konzept einer Welt ohne Abfall.

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          Der Wissenschaftler Michael Braungart gilt seit der Veröffentlichung des Buches „Cradle to Cradle“ (deutsch: „Einfach intelligent produzieren“), vielen als Retter der Welt. Im F.A.Z.-Interview erklärt er sein Konzept einer Welt ohne Abfall.

          Herr Professor Braungart, seit der Veröffentlichung Ihres Buches „Cradle to Cradle“, das den deutschen Titel „Einfach intelligent produzieren“ trägt, gelten Sie vielen als potentieller Retter der Welt. Um was genau handelt es sich bei „Cradle to Cradle“?

          Ich hatte Anfang der neunziger Jahre das Privileg, von dem Chemiekonzern Ciba-Geigy zwei Millionen Dollar zu bekommen, um mich mit natürlichen Systemen zu beschäftigen. Das verschaffte mir zwei Jahre Zeit, um schlaue Leute weltweit zu sprechen. Am Ende konnte ich die westliche Art, analytisch zu denken, mit der fernöstlichen Art, in Kreisläufen zu denken, und der südlichen Art, das Leben zu genießen, kombinieren, um eine neue Art der Produktion zu entwickeln. Deren Ziel ist es, Dinge nicht weniger schädlich, sondern nützlich herzustellen und hochprofitable, gesunde Produkte zu kreieren, deren Bestandteile in biologischen und technischen Nährstoffkreisläufen zirkulieren können. Von der Wiege in die Wiege statt wie bisher von der Wiege bis zur Bahre. Eine Welt ohne Abfall.

          Michael Braungart

          Das klingt ziemlich abstrakt.

          Menschen sind die einzigen Lebewesen, die Müll machen. Wenn wir so intelligent wären wie die Ameisen, dann hätten wir kein Überbevölkerungsproblem. Die Biomasse der Ameisen ist etwa vier Mal größer als die der Menschen. Der Kalorienverbrauch aller Ameisen entspricht dem von etwa dreißig Milliarden Menschen.

          Aber Menschen wollen nicht den ganzen Tag im Wald herumlaufen, sondern Auto fahren, shoppen und Spaß haben.

          Darauf sollen wir auch nicht verzichten. Aber es braucht eine industrielle Re-Evolution, um die Umweltzerstörung, die mit diesem Lebenswandel einhergeht, zu stoppen. Das heißt, dass Verbrauchsgüter so umweltfreundlich hergestellt werden sollten, dass man sie bedenkenlos in den Kompost werfen kann. Gebrauchsgüter hingegen sollten so produziert werden, dass sie nach der Benutzung wieder und wieder recycelt werden. Dass ihre technischen Nährstoffe wieder in Produktionskreisläufe zurückgeführt werden können, ohne an Materialwert oder Intelligenz zu verlieren.

          Das von Ihnen gegründete Forschungsinstitut Epea wirbt für Solarenergie, erstellt Datenbanken, die kreislauffähige Materialien sammeln, und zertifiziert Produkte, die nach Ihrem Prinzip hergestellt werden. Um welche Produkte handelt es sich?

          Wir haben zusammen mit Unternehmen etwa kompostierbare hautfreundliche T-Shirts entwickelt. Oder Bürostühle aus wiederverwertbaren Einzelteilen. Teppiche, die die Hersteller nach Gebrauch abholen und recyceln. Wir arbeiten auch mit Elektronikherstellern in Holland und Taiwan, wo ein Großteil der Laptopproduktion stattfindet. Sie werden im kommenden Jahr eine ganze Palette von Produkten sehen, die entweder biologisch abbaubar oder recycelbar sind.

          Recycling gibt es doch längst.

          Produkte, die nicht kompostierbar sind, müssen nach unserem Verständnis von Entwicklungsbeginn an so gestaltet werden, dass ihre Bestandteile endlos wiederverwendet werden können. Was uns bisher als Recycling präsentiert wurde, ist meist ein Downcycling, eine Alibi-Maßnahme. Nehmen Sie eine Zeitung wie die F.A.Z.: Um die Giftmenge im Papier zu reduzieren, wurde irgendwann auf ein Viertel der Druckfarben verzichtet. Aber drei Viertel sind immer noch drin. Ein Kilogramm des Toilettenpapiers, das aus dem Zeitungspapier hergestellt wird, verseucht immer noch mindestens drei Millionen Liter Wasser. Idealerweise müsste das Papier so gestaltet sein, dass ich es anzünden und die Asche bedenkenlos in den Garten streuen könnte.

          Viele kaufen nicht beim Biohändler, weil dessen Tomaten schnell matschig werden. Wie wollen Sie verwöhnten Konsumenten „Cradle to Cradle“-Erzeugnisse verkaufen?

          Wir akzeptieren keinerlei Qualitätseinbußen. Die von uns entwickelten essbaren Bezugsstoffe im Airbus 380 etwa sind genauso stabil, genauso schick wie andere.

          Wie soll der Schritt von diesen Einzelfällen zu der von Ihnen erwähnten industriellen Re-Evolution gelingen?

          Je größer das Netzwerk der Unternehmen wird, die nach Cradle to Cradle produzieren, desto effektiver funktioniert der angestrebte Materialkreislauf. Menschen müssen Marktwirtschaft neu denken. Man sollte zum Beispiel nicht Autos verkaufen, sondern Mobilität. Wir haben für Ford einen Prototyp samt Konzept entwickelt, um den Menschen nur sechzigtausend Meilen zu verkaufen. Im Paket ist das Benzin drin, die Steuer, die Versicherung. So hat der Hersteller plötzlich ein Interesse an einem energiesparenden, sicheren Auto, das kaum Wartung braucht. Man kann nicht wie bisher den Gewinn privatisieren und das Risiko vergesellschaften. Daher sollten definierte Nutzungszeiten verkauft werden, eine Art Leasing.

          Sie reüssieren mit Ihrer Idee vor allem im Ausland.

          Arnold Schwarzenegger hat Kalifornien zum Cradle to Cradle-Staat ernannt. Und die holländische Umwelt- und Bauministerin Jacqueline Cramer hat angekündigt, im Jahr 2012 den öffentlichen Einkauf des Staates in einer Höhe von vierzig Milliarden Euro auf Cradle to Cradle-Beschaffung umzustellen.

          Der Filmregisseur Steven Spielberg dreht nicht nur einen Film über Ihre Ideen, er unterstützt Sie auch mit Millionenspenden. Brad Pitt zählt Ihr Werk zu seinen drei wichtigsten Büchern. Susan Sarandon und Cameron Diaz schwärmen von Ihrem Konzept, genauso Mitglieder des niederländischen Königshauses. Wieso sind diese Ideen ausgerechnet in Ihrer Heimat Deutschland nicht populär, obwohl Sie etwa hier in Frankfurt die „Cradle to Cradle“-Messe „Nutec“ organisieren?

          Tatsächlich stagniert Deutschland beim Thema Umweltschutz schon seit der Wiedervereinigung. Es tut mir weh, wenn ich sehe, dass die Deutschen Umweltschutz immer noch als nachgeschaltete Umwelttechnik verstehen statt als Produktinnovation. Damit sind die Deutschen für das, was ich vorschlage, eine Gefahr.

          Wir dachten, die Deutschen würden im Ausland für ihr Umweltverständnis bewundert.

          Bewundert wird die deutsche Zerstörungfähigkeit, seien es Panzer oder Berti Vogts oder eben Müllverbrennungsanlagen, die die Deutschen als Entwicklungshilfe nach Schanghai, in die reichste Stadt der Welt, exportieren. Wenn die Deutschen von Problemen überfordert werden, reagieren sie nicht mit fortschrittlichen neuen Lösungen, sondern bekämpfen das vermeintlich Bedrohliche archaisch. Wir fallen ins Mittelalter zurück, wenn wir erwarten, dass wir die Probleme zwar nicht lösen, aber wenigstens das Böse mit Feuer austreiben können. Dabei gehen in Verbrennungsanlagen alle Nährstoffe verloren.

          Haben Sie Ihre Landsleute schon aufgegeben?

          Ich mache mir Sorgen. Im Gegensatz zu den Niederländern, die seit jeher mit der Bedrohung des Meeres konfrontiert sind, romantisieren die Deutschen die Natur. Dabei wird übersehen, dass die krebserregendsten und giftigsten Stoffe immer noch in der Natur zu finden sind. Es gibt keine Mutter Natur, wir sind von ihr übelst behandelt worden. Dagegen haben wir uns gewehrt und die Umwelt zerstört. Deswegen haben wir nun ein schlechtes Gewissen. Aber wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, hier zu sein. Das Problem ist, dass in Deutschland das Umweltthema moralisch aufgeladen und Schuldmanagement betrieben wird, vor allem von den Grünen und Umweltorganisationen, deren Mitglieder sich als Gutmenschen stilisieren. Die Deutschen wachen auf und denken sich: Ich bin zu hundert Prozent Schwein, und mein Ziel ist es, nur zu neunzig Prozent Schwein zu sein. Besser wäre, mich gäbe es nicht.

          Sie sind Gründungsmitglied der Grünen.

          Ich war damals sechzehn Jahre alt. Ich habe später nie irgendwelche Funktionen übernommen und, wohl nach einem Umzug, aufgehört, den Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Wie es um die Partei heute steht, dazu will ich mich als Forscher nicht äußern.

          Wie steht es denn um die Forschung?

          Wir haben durch Umweltkatastrophen wie Tschernobyl eine ganze Generation an Wissenschaftlern eingebüßt. Wir haben wunderbare Betriebswirte und Juristen, aber wir haben viel zu wenig gute Ingenieure und Naturwissenschaftler. Denn diejenigen, die das studiert haben, taten es mit schlechtem Gewissen. Wenn Sie heute einen Mitarbeiter von BASF nach seinem Arbeitgeber fragen, sagt er: Entschuldigung, ich versuche das Beste daraus zu machen.

          Denkt man an den Klimawandel, scheint unser Schuldgefühl doch nicht unberechtigt.

          Über Fehler in der Vergangenheit kann man sich ärgern. Aber für die Zukunft brauchen wir kein Schuldmanagement, sondern positive Ziele. Ich untersuche seit siebzehn Jahren Muttermilchproben im Labor. Wir finden über zweieinhalbtausend Chemikalien darin, keine einzige Probe dürfte als Trinkmilch vermarktet werden. Das Ziel sollte lauten: In zehn Jahren stellen wir gar nichts mehr her, was sich in Muttermilch wiederfindet. Dann könnte jeder junge Chemiker, jeder Wissenschaftler mitmachen, die hätten Innovationsziele. Stattdessen verwalten wir den Untergang und halten die Leute ruhig. Wir sitzen auf der Titanic, löffeln das Wasser mit dem Esslöffel statt mit dem Teelöffel und sagen, es gehe in die richtige Richtung. Die Politik betreibt Ökologismus.

          Was verstehen Sie unter Ökologismus?

          So wie der Sozialismus nicht sozial ist, kann, was ich Ökologismus nenne, nicht ökologisch sein. Man tut nur so, als ob. Man liefert Scheinlösungen.

          Sie meinen Grenzwerte.

          Ob man hundertvierzig oder hundertsechzig Gramm CO2 abgibt, ist im Grunde irrelevant. Die EU hat ein tolles Gesetz verabschiedet, das bleifreie Elektrogeräte zum Ziel hat. Aber niemand fragt, was stattdessen in den Fernseher kommt. Das sind Zink, Silber, Kupfer, Nickel und Wismut - alles genauso selten und genauso giftig wie Blei. Und das sind nur einige der viertausenddreihundertsechzig Chemikalien, die wir in einem einzigen Fernsehgerät gefunden haben.

          Ein Fernsehgerät ohne Chemikalien herzustellen ist utopisch.

          Man kann zwar einen Fernseher nicht ohne seltene und für die Umwelt schädliche Stoffe produzieren. Aber diese Stoffe sind als wertvollste technische Nährstoffe wahrzunehmen und wiederzuverwenden. Bisher gehen diese Stoffe durch Downcycling beim Einschmelzen verloren. Es braucht ein grundlegend anderes Konzept eines technischen Nährstoffmanagements. Wir können alles neu erfinden. Das ist das Tolle dabei. Intelligente Verschwendung ist das Ziel.

          Hedonismus statt Selbstgeißelung?

          Schauen Sie sich die Bäume im Frühling an. Die sind nicht effizient. Die sparen nicht, die verzichten nicht, die vermeiden nicht. Aber sie produzieren alle Dinge so, dass sie für andere Lebewesen förderlich sind. Statt die Natur zu romantisieren, sollten wir uns an ihr ein Beispiel nehmen.

          Wie geht diese Geschichte Ihrer Meinung nach aus, wenn wir unser Verhalten nicht ändern?

          Das Wahrscheinlichste ist, dass wir uns in den nächsten sechzig Jahren kannibalisieren werden. Das heißt, wir werden etwa eine Milliarde Menschen und dreißig bis vierzig Prozent der Arten behalten.

          Können Sie uns nicht retten?

          Ich bin Chemiker, Verfahrenstechniker, Wissenschaftler. Es braucht aber alle. Jeden Einzelnen.

          Zur Person

          Michael Braungart, 1958 in Schwäbisch Gmünd geboren, ist Verfahrenstechniker und Chemiker. Nach dem entsprechenden Studium in Konstanz und Darmstadt promoviert Braungart 1985 am Fachbereich Chemie der Universität Hannover. Parallel wirkt er von 1982 an beim Aufbau des Bereichs Chemie von Greenpeace Deutschland mit, den er von 1985 bis 1987 leitet.

          Braungart wird 1994 Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg und Direktor eines interdisziplinären Masterprogramms für Stoffstrom-Management. Heute lehrt er als Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam, ist Geschäftsführer der Epea Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg und leitet das Hamburger Umweltinstitut. Zusammen mit William McDonough entwickelt er das „Cradle to Cradle“-Konzept.

          2003 erhält er den Presidential Green Chemistry Challenge Award der amerikanischen Umweltbehörde EPA.

          Braungart ist mit der deutschen Politikerin Monika Griefahn (SPD) verheiratet.

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