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Im Gespräch: Michael Braungart : Können wir unsere Erde retten, Herr Braungart?

  • Aktualisiert am
Braungarts Motto: In Kreisläufen denken
          6 Min.

          Der Wissenschaftler Michael Braungart gilt seit der Veröffentlichung des Buches „Cradle to Cradle“ (deutsch: „Einfach intelligent produzieren“), vielen als Retter der Welt. Im F.A.Z.-Interview erklärt er sein Konzept einer Welt ohne Abfall.

          Herr Professor Braungart, seit der Veröffentlichung Ihres Buches „Cradle to Cradle“, das den deutschen Titel „Einfach intelligent produzieren“ trägt, gelten Sie vielen als potentieller Retter der Welt. Um was genau handelt es sich bei „Cradle to Cradle“?

          Ich hatte Anfang der neunziger Jahre das Privileg, von dem Chemiekonzern Ciba-Geigy zwei Millionen Dollar zu bekommen, um mich mit natürlichen Systemen zu beschäftigen. Das verschaffte mir zwei Jahre Zeit, um schlaue Leute weltweit zu sprechen. Am Ende konnte ich die westliche Art, analytisch zu denken, mit der fernöstlichen Art, in Kreisläufen zu denken, und der südlichen Art, das Leben zu genießen, kombinieren, um eine neue Art der Produktion zu entwickeln. Deren Ziel ist es, Dinge nicht weniger schädlich, sondern nützlich herzustellen und hochprofitable, gesunde Produkte zu kreieren, deren Bestandteile in biologischen und technischen Nährstoffkreisläufen zirkulieren können. Von der Wiege in die Wiege statt wie bisher von der Wiege bis zur Bahre. Eine Welt ohne Abfall.

          Michael Braungart
          Michael Braungart : Bild: F.A.Z.

          Das klingt ziemlich abstrakt.

          Menschen sind die einzigen Lebewesen, die Müll machen. Wenn wir so intelligent wären wie die Ameisen, dann hätten wir kein Überbevölkerungsproblem. Die Biomasse der Ameisen ist etwa vier Mal größer als die der Menschen. Der Kalorienverbrauch aller Ameisen entspricht dem von etwa dreißig Milliarden Menschen.

          Aber Menschen wollen nicht den ganzen Tag im Wald herumlaufen, sondern Auto fahren, shoppen und Spaß haben.

          Darauf sollen wir auch nicht verzichten. Aber es braucht eine industrielle Re-Evolution, um die Umweltzerstörung, die mit diesem Lebenswandel einhergeht, zu stoppen. Das heißt, dass Verbrauchsgüter so umweltfreundlich hergestellt werden sollten, dass man sie bedenkenlos in den Kompost werfen kann. Gebrauchsgüter hingegen sollten so produziert werden, dass sie nach der Benutzung wieder und wieder recycelt werden. Dass ihre technischen Nährstoffe wieder in Produktionskreisläufe zurückgeführt werden können, ohne an Materialwert oder Intelligenz zu verlieren.

          Das von Ihnen gegründete Forschungsinstitut Epea wirbt für Solarenergie, erstellt Datenbanken, die kreislauffähige Materialien sammeln, und zertifiziert Produkte, die nach Ihrem Prinzip hergestellt werden. Um welche Produkte handelt es sich?

          Wir haben zusammen mit Unternehmen etwa kompostierbare hautfreundliche T-Shirts entwickelt. Oder Bürostühle aus wiederverwertbaren Einzelteilen. Teppiche, die die Hersteller nach Gebrauch abholen und recyceln. Wir arbeiten auch mit Elektronikherstellern in Holland und Taiwan, wo ein Großteil der Laptopproduktion stattfindet. Sie werden im kommenden Jahr eine ganze Palette von Produkten sehen, die entweder biologisch abbaubar oder recycelbar sind.

          Recycling gibt es doch längst.

          Produkte, die nicht kompostierbar sind, müssen nach unserem Verständnis von Entwicklungsbeginn an so gestaltet werden, dass ihre Bestandteile endlos wiederverwendet werden können. Was uns bisher als Recycling präsentiert wurde, ist meist ein Downcycling, eine Alibi-Maßnahme. Nehmen Sie eine Zeitung wie die F.A.Z.: Um die Giftmenge im Papier zu reduzieren, wurde irgendwann auf ein Viertel der Druckfarben verzichtet. Aber drei Viertel sind immer noch drin. Ein Kilogramm des Toilettenpapiers, das aus dem Zeitungspapier hergestellt wird, verseucht immer noch mindestens drei Millionen Liter Wasser. Idealerweise müsste das Papier so gestaltet sein, dass ich es anzünden und die Asche bedenkenlos in den Garten streuen könnte.

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