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Im Fernsehen: Millenium-Trilogie : Lara Crofts knallharte Schwester schafft sie alle

So berechtigt solche Einwände, so bedeutungslos sind sie auch. Denn die „Millenium“-Filme gleichen ihre Schwächen mit einer stupenden Qualitätsfülle mehr als aus. Großartig etwa, wie die Szenen zwischen Innen und Außen, zwischen Stadt und Land changieren - so manche urbane Niederlassung und so manches schwedische Sommerhaus gehen dabei zu Bruch oder gleich in Flammen auf. Der entscheidende Mehrwert der Filme gegenüber den Romanvorlagen aber ist: Sie visualisieren mit immer neuen Erzähleinfällen und Bildfindungen unser Computer- und Laptop-Zeitalter auf eine Weise, die man so noch nicht kannte.

Fröhliches Product-Placement

Wenn hier eine begnadete Hackerin die Tastatur bearbeitet, kommt sie einer Klaviervirtuosin gleich. Wenn hier scheinbar nur Bildschirme abgefilmt werden, entfaltet sich nicht weniger als die Partitur der Gegenwart. Und wenn hier eine Nebenfigur - der unförmig voluminöse und sozial völlig depravierte Erz-Nerd Plague Thomas, herrlich gespielt Thomas Köhler - durch das Web rast, segelt, robbt und rauscht, wundert man sich überhaupt nicht mehr, wie Wikileaks an all die Geheimdokumente kommt. Selbst dauerndes Handy-Klingeln stört dann nicht - und dass alle Laptops von Apple stammen und dies der Kamera auch ständig zeigen, nimmt man weniger als Product-Placement, sondern zunehmend belustigt hin. Natürlich gibt es auch Ikea-Signets en masse, am liebsten fahren die Protagonisten mit einem Kia durch die Stadt und über Land.

Michael Nyqvist spielt den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, die eine der beiden Hauptfiguren und zugleich das Wunsch-Ich des Autors Stieg Larsson. Ja, Nykvist macht das gut, weiß also noch mit völlig zerknittertem und leicht pockennarbigem Gesicht unsere Sympathie zu gewinnen und lässt uns am Aufrechten seiner Gesinnung sowenig zweifeln wie am Gutmenschlichen seines Weltbildes. Wann er die ellenlangen Artikel schreibt, die seine Zeitschrift „Millenium“ dann gegen alle Widerstände von bösen Finanzjongleuren, ignoranten Staatsanwälten und rasch entschlossenen Auftragskillern dann auch druckt, kann weitgehend im Verborgenen bleiben - das bloße Schreiben lässt sich eben kaum filmisch abbilden. Nach Astrid Lindgrens Kinderdetektiv wird dieser Enthüller gern mit dem Spitznamen „Kalle Blomquist“ verspottet - was ihn ehrt.

Eine unwiderstehliche Dame von Welt

Gegenüber dem eigentlichen Star der neun Fernsehstunden aber bleibt Nyqvists Mikael Blomkvist etwas blass und eindimensional. Der eigentliche Star ist die Schauspielerin Noomi Rapace, Tochter einer Schwedin und eines spanischen Flamenco-Tänzers. Sie spielt, nein: sie ist Lisbeth Salander, die von allen gesellschaftlich Mächtigen als Psychopathin und Autistin abgestempelt und verfolgt wird, in Wahrheit aber eine wunderbar wandlungsfähige Lebensheldin ohne jedes Selbstmitleid ist. Umgehend hat man Lisbeth deshalb, aufs Neue Astrid Lindgren bemühend, zu einer „Pippi Langstrumpf des 21. Jahrhunderts“ promoviert. Weit mehr noch ist sie eine höchst originelle Lara Croft aus dem Stockholmer Untergrund, die auf den Kaimaninseln auch aber unschwer als ganz und gar unwiderstehliche Dame von Welt durchgeht und so in den einzig heiteren Szenen einen Magnaten um seine Dollar-Millionen und dann einen Immobilienmakler um seine Fassung bringt - letztere Szene fehlt in der Kinofassung übrigens ganz. Noomi Rapace, mit einem Wort, darf man als Lisbeth Salander durchaus nicht verpassen.

Nicht anders als Sjöwall/Walhöö und Mankell kombiniert auch Stieg Larsson Krimi-Spannung mit politisch linker Weltsicht - die Kleinen sind immer die Guten. Man muss diese Weltsicht nicht teilen. Der Krimi-Spannung tut dies keinen Abbruch.

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