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Holocaust-Forschung : Ein Historiker im Kampf gegen den Egalitarismus

Die Breitenwirksamkeit der antijüdischen Propaganda ist bei Aly eine ungewollte Konsequenz der demokratischen Bildungspolitik der Republik. Massenhaft wurden Aufsteiger mobilisiert, die sich durch die Weltwirtschaftskrise plötzlich ihrer Chancen beraubt sahen. Aly liefert für das Problem, dass gerade in Deutschland der Neid auf die Juden diese verheerende Macht entfaltete, eine klassische historische Erklärung, die das Kontingente betont, das kurzfristige Ineinandergreifen verschiedenartiger Ursachen. Aber er geht über diese Erklärung hinaus, ja, er verwirft sie, indem er postuliert, nach 1918 sei ein Antisemitismus „mit Urgewalt“ hervorgebrochen, der im Kaiserreich „weithin unter der Oberfläche gehalten“ worden sei. Demnach waren die Integration der Juden, das kulturelle Prestige des jüdischen Großbürgertums, die Erfolglosigkeit der Antisemitenparteien nur Oberflächenphänomene, bloßer Schein, der Judenhass dagegen die Wahrheit über die Deutschen? Verblüfft sehen wir Götz Aly, den Mann der belastbaren Erklärungen, zu einem zweiten Daniel Goldhagen mutieren!

Die Antwort auf die Frage „Warum die Deutschen?“ kann nicht in den Erfahrungen der Deutschen nach 1918 liegen, Aly sucht sie im Volkscharakter. Eingangs fertigt er die Sonderwegshistorie ab, um dann doch eine neue, in der Sache allerdings uralte Theorie vom Sonderweg zu präsentieren. „Warum die Deutschen?“ Soll heißen: Warum nicht die Engländer? Warum nicht die Franzosen? Die Antwort findet Aly in der politischen Kultur. Hier wirkt sich nun eine Eigenart von Alys Forschungen als entscheidende Schwäche aus. Auch das neue Buch ist wieder ausschließlich aus den Quellen gearbeitet, ohne Bezug auf die Arbeit anderer Autoren. Es gibt zum englischen Antisemitismus eine überaus lebhafte Forschung, die in Korrektur des schmeichelhaften Selbstbildes vom toleranten Musterland die wiederkehrenden Erfahrungen alltäglicher Diskriminierung herausgearbeitet hat - absolut einschlägig für Alys Fragestellung, aber komplett von ihm ignoriert.

Durchweg unhistorische Gegensätze

Die „Kernfrage“ ist für Aly die deutsche „Gleichheitssucht und Freiheitsangst“, ein „bis heute wirksamer deutscher Antiliberalismus“. Kopfschüttelnd liest man, die „égalité“ der Französischen Revolution sei erst von deutschen Freiheitsfeinden sozialstaatlich ausgelegt worden. Das Dogmatische von Alys Lehre, im Juden hätten die Deutschen den individuellen Abweichler vom Kollektiv der Gleichen verfolgt, nötigt ihn, den Quellenbefund zurechtzubiegen. Er erklärt nicht, wie Goebbels 1929, wie von ihm zitiert, die jungen Arbeiter auffordern konnte, „die Gleichheit der Demokratie“ zu zertrümmern: „Wehrt euch dagegen, mit jedem Trottel auf eine Stufe gestellt zu werden!“ Ein besonders wirkmächtiges antisemitisches Stereotyp, die Solidarität der Juden untereinander, wird von Aly gar nicht erwähnt, da Antisemitismus ja Antiindividualismus sein soll.

Obwohl die Judenfeinde den Widerruf der staatsbürgerlichen Gleichheit wollten und der Marxismus zur jüdischen Weltanschauung gestempelt wurde, hält Aly den Sozialdemokraten vor, sie hätten das „Gift des Neides“ ausgestreut und dadurch „der Gewalt ungewollt Vorschub geleistet“. Dieser kausale Nexus ist nun umgedrehter Ernst Nolte: Hitler als Speerspitze der ewigen Linken! „Mit den kollektivistischen Begriffen Klasse, Klassenkampf, Klassenhass und Klassenfeind gewöhnten Sozialisten ihre Anhänger an ein politisches Denken und Handeln, das die Eindeutigkeit der Freund-Feind-Optik bevorzugte.“ Mit keinem Wort erwähnt Aly die Wurzeln der sozialdarwinistischen Doktrin vom Kampf ums Dasein in der liberalen politischen Ökonomie.

Auf dem Klappentext verspricht Gustav Seibt, man lerne bei Götz Aly „eine Humanität kennen, die völlig frei von Rhetorik ist; ihre höchste Tugend ist Genauigkeit“. Alys neues Buch macht beachtliche empirische Befunde einer Rhetorik gefügig, die nur Eindruck machen kann, weil sie durchgängig mit unhistorischen Gegensätzen operiert. Mit Geschichtswissenschaft haben diese Tiraden gegen den „Terror des Egalitarismus“ nichts zu tun. Ihr richtiger Ort wäre ein Pamphlet der Friedrich-Naumann-Stiftung - nur dass die Parteistiftung der FDP, wenn es nach Aly ginge, nicht mehr nach Naumann, dem Autor des „National-sozialen Katechismus“ von 1897, heißen dürfte.

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