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Holocaust-Forschung : Ein Historiker im Kampf gegen den Egalitarismus

1926 veröffentlichte Siegfried Lichtenstaedter, Oberregierungsrat in der bayerischen Finanzverwaltung, einen Band „Antisemitica - Heiteres und Ernstes, Wahres und Erdichtetes“, in dem sich die Satire „Der jüdische Gerichtsvollzieher“ findet. Von den 200 000 Einwohnern der Stadt Anthropopolis sind 2000 Juden. Die Besetzung der Stelle des einzigen Gerichtsvollziehers mit einem Juden löst eine Lawine der antisemitischen Agitation aus: „Mit Fug und Recht“ wird in der Öffentlichkeit darauf hingewiesen, dass das Gerichtsvollzieherwesen nun zu hundert Prozent in jüdischen Händen liegt. Aus seinem Skatklub wird der Beamte ausgestoßen, nachdem der Verein einen Arierparagraphen eingeführt hat. Ein Zeitungsreporter deckt einen sechzig Jahre alten Fall von Wucherei auf, den er mit der Familie des Gerichtsvollziehers in Verbindung bringt. Er proklamiert das „Ende der Langmut“ und sagt den Juden voraus, bei einem neuen Exodus würden sich die Fluten nicht wieder vor ihnen öffnen. „Es gibt noch andere Meere als das Schilfmeer; es gibt außerdem Flüsse, auch in unserem anthropopolitanischen Lande, mit genügendem Wasser, um das ganze Volk Israel unschädlich zu machen.“

Wie erklärt man die Hellsicht von Autoren wie Bettauer und Lichtenstaedter? Sie erkannten, dass der schrillen Propaganda der antisemitischen Zirkel eine Empfänglichkeit in breiten Bevölkerungskreisen entgegenkam und werden das aufgrund eigener Alltagserfahrungen erspürt haben. In solchen Zeugnissen legt Aly eine moralische Empirie der Eindrücke und Gefühle frei. Diese sozialpsychologische Neugier wird durch den Vorwurf des „Vulgärmaterialismus“ (Hans-Ulrich Wehler) nicht mehr getroffen. Dass die meisten Deutschen das offenkundige Unrecht von Hitlers Judenpolitik nicht sehen wollten, ist durch Vorteilskalküle allein nicht zu erklären. Bewusst oder unbewusst meinten sie offenbar, irgendwie geschehe es den Juden schon recht.

Hitlers Nationalsozialismus ist für Aly keine bloße Parole

Bettauers Kanzler rechtfertigt die antijüdischen Maßnahmen mit dem Schutz seiner christlichen Landsleute, die der jüdischen Konkurrenz „nicht gewachsen“ seien. Dieser sittliche Protektionismus, der Neid der eingestandenermaßen Zurückgebliebenen, ist für Aly der Schlüssel zur Erfolgsgeschichte des Judenhasses. Frappant sind die Belege dafür, dass die frühen Programmatiker des Antisemitismus wie der preußische Hofprediger Adolf Stoecker die jüdische Überlegenheit in Bildungsdingen ausdrücklich anerkannten. Hitlers Nationalsozialismus ist für Aly keine bloße Parole. Dem radikalen Revisionismus in der Außenpolitik korrespondierte eine sozialpolitische Verheißung. Hitler sprach die Deutschen als doppelt Zukurzgekommene an, machte ihnen weis, sie würden von den Juden in gleicher Weise gebeutelt wie von den Siegermächten.

„Warum die Deutschen?“ Alys Buchtitel formuliert ein unheimliches Rätsel. Für die Juden Osteuropas war der preußische Rechtsstaat vor 1914 so etwas wie das gelobte Land, die Dreyfus-Affäre fand in Frankreich statt. Aly erinnert an die vergessene Tatsache, dass das Deutsche Reich in die Beratungen der Pariser Friedenskonferenz 1919 die Forderung nach „Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt“ einbrachte. Auf den ersten Blick spricht alles dafür, dass die Antwort auf die Frage etwas mit der Zäsur von 1919 zu tun hat. Und tatsächlich akzentuiert Aly die demoralisierenden Konsequenzen des Versailler Friedens.

Die englische Forschung wird ignoriert

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