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Hirnforschung : Wenn die Neuronen heftig überlegen

Wo alle Fäden zusammenlaufen: Gehirnplastik mit neugierigem Betrachter Bild: picture-alliance/ ZB

Nicht wenige Wissenschaftler neigen dazu, unser Gehirn zum eigentlichen Akteur und Strippenzieher zu machen. Aber lässt sich das überhaupt sinnvoll sagen? Bericht über einen Meinungskampf.

          5 Min.

          Das Gehirn hat, immer noch, Konjunktur. Man erkennt das unter anderem daran, dass mittlerweile noch die bescheidensten Einsichten in menschliche Verhaltensweisen selten ohne den Hinweis angebracht werden, dass die Hirnforschung irgendwie auch dafür spreche. Oder zumindest Aussicht bestehe, dass sie dafür sprechen werde, wenn sie nur noch ein bisschen genauer über die neuronalen Mechanismen Bescheid wissen wird. Vorsichtige Formulierungen sind dabei eher die Ausnahme, es überwiegen die Versicherungen, man habe mehr oder minder aussagekräftige hirnforscherliche Befunde doch eigentlich schon auf seiner Seite.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Und das gilt erst recht dann, wenn es um gar nicht mehr so bescheidene Thesen über menschliches Verhalten geht. Wenn etwa neurowissenschaftliche Befunde aufgeboten werden, um kulturkritischen Diagnosen ein wissenschaftliches Gepräge zu geben. Dann ist zum Beispiel das Für und Wider der digital abrufbaren Informationsflut im Handumdrehen in Aussagen über Arbeitsweise und Verarbeitungskapazitäten unseres Gehirns konvertiert. Oder die ewige Frage nach dem Unterschied der Geschlechter erhält ihre bündige Antwort durch schnittige Aussagen über das männliche und das weibliche Gehirn.

          Mit konsolidierten neurowissenschaftlichen Befunden mag das zwar allenfalls nur am Rande zu tun haben, aber die Versuchung scheint einfach zu groß, alles über das Gehirn als unhintergehbare naturale Basis unserer Selbst- und Weltbewältigung laufen zu lassen. Wozu dann auch gehört, dass unser Gehirn sich selbständig macht. Bei nicht wenigen Neurowissenschaftlern rückt es nämlich zum eigentlichen Akteur auf. Was wir uns bis dahin gutgläubig selbst zuschrieben, nun soll es Sache des Gehirns sein, das hinter unserem Rücken ja auch dafür sorge, dass wir überhaupt die lebenspraktische Illusion eines Selbst hegen.

          Ein alter schiefer Dualismus bekommt eine neue Gestalt

          Entsprechend kann das Gehirn dann eine ganz Menge. Es ist ein Gehirn, das wahrnimmt, denkt, konstruiert, vergleicht, erkennt, rechnet, sich erinnert, Hypothesen formuliert, glaubt, fühlt, Schlüsse zieht, entscheidet und mit allerlei symbolischen Repräsentationen der Welt hantiert. Nach den entsprechenden Passagen in den Darstellungen renommierter Neurowissenschaftler muss nicht lange gesucht werden. Man kann auch beispielhaft ein gerade auf Deutsch erschienenes Buch von Semir Zeki heranziehen. Zeki ist Professor am Londoner University College, befasst sich als Neurowissenschaftler vor allem mit den neuronalen Verarbeitungsmechanismen der visuellen Wahrnehmung und möchte davon ausgehend - das zugehörige Stichwort lautet "Neuroästhetik" - unsere Urteile über Kunstwerke in Befunden der Hirnforschung verankern.

          Das heißt, eigentlich möchte er sogar noch etwas anderes, und gerade davon handelt sein Buch über "Glanz und Elend des Gehirns - Neurobiologie im Spiegel von Kunst, Musik und Biologie" (Ernst Reinhardt Verlag). Denn der Hinweis auf den Spiegel meint, dass nicht bloß die neuronale Basis der Wahrnehmung zur Erläuterung unseres Kunstempfindens anvisiert ist. Es soll eher umgekehrt darum gehen, aus berühmten Werken der Kunst Rückschlüsse auf ästhetische Neigungen zu ziehen - nicht auf unsere freilich, sonderen auf jene unseres Gehirns.

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