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Herta Müller : Die Akte Cristina

Deckblatt der Securitate-Akte von Herta Müller (Fotokopie) Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

Die Nobelpreisträgerin Herta Müller bewahrt ihre Securitate-Akte nicht in ihrer eigenen Wohnung auf. Sie liegt bei dem Schriftsteller Richard Wagner, ihrem ehemaligen Mann, mit dem zusammen sie 1987 Ceauescus Terrorherrschaft entkam.

          7 Min.

          Zwei Pappschuber stehen auf dem Schreibtisch in Richard Wagners Arbeitszimmer in Berlin. In jedem steckt ein halbes Dutzend Aktendeckel mit losen Blättern. Es sind Hunderte von Seiten mit unzähligen Details aus zwei Leben, die nie so gelebt wurden, wie sie hier beschrieben werden. Die Dossiers, die der rumänische Geheimdienst jahrzehntelang über Richard Wagner und Herta Müller geführt hat, mögen sie noch so akribisch und detailgenau sein, sprechen kein einziges wahres Wort. Selbst dort, wo die äußeren Fakten mit der Realität übereinzustimmen scheinen, wo Daten, Namen, Ortsangaben scheinbar korrekt sind, ist jedes Wort verzerrt, entstellt im trüben Licht falscher Anschuldigungen. Denn der Staat, der sich selbst zum Feind seiner Bürger gemacht hatte, erklärte seine Opfer zu Tätern. So konnte er jede seiner Anmaßungen und Ungeheuerlichkeiten, jeden Akt der Unterdrückung, der Willkür und der Aggression in grenzenlosem Sarkasmus als Maßnahme zur Selbstverteidigung ausgeben.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Viele Jahre lang haben die rumänischen Behörden Herta Müller die Einsicht in ihre Akte verweigert. Die 1999 gegründete CNSAS, das rumänische Pendant zur Birthler-Behörde, erklärte das Dossier für unauffindbar. Erst als der Schriftsteller Richard Wagner im vorigen Jahr anhand seiner eigenen Akte den Decknamen seiner ehemaligen Frau herausgefunden hatte, tauchte das Konvolut plötzlich auf. Anders als die Stasi hat der rumänische Geheimdienst nicht nur seine Spitzel und Mitarbeiter, sondern auch seine Opfer mit Decknamen belegt. Für die Securitate trug die Schriftstellerin seit dem Jahr 1983 den Namen „Cristina“. Nicht nur Herta Müller ist davon überzeugt, dass die Nachfolgeorganisation SRI, der heutige rumänische Geheimdienst, die Akte Cristina noch immer nicht geschlossen hat.

          Papierene Gäste aus Temeswar

          Aber die Vorzeichen dieses operativen Vorgangs haben sich gründlich verändert: Vor einem Vierteljahrhundert wurde eine junge Frau verfolgt, die in einer Maschinenfabrik in Temeswar als Übersetzerin arbeitete und in ihrer Freizeit Gedichte und Erzählungen über das Leben der Banater Schwaben schrieb. Später beobachtete der SRI eine bekannte Schriftstellerin, die aus Deutschland zu Besuch kam. Seit zwei Wochen hat der Geheimdienst es mit einer Nobelpreisträgerin zu tun.

          Richard Wagner über den Dokumenten in seiner Berliner Wohnung
          Richard Wagner über den Dokumenten in seiner Berliner Wohnung : Bild: Matthias Lüdecke - FAZ

          „Ich habe alles chronologisch geordnet“, sagt Richard Wagner. „Das hier ist das Deckblatt von Hertas Akte. Hier sehen Sie den operativen Vorgang mit der Registriernummer und dem Decknamen, ,Cristina‘. Hier steht das Datum, wann die Akte eröffnet wurde: am 8. März 1983. Und das hier ist besonders interessant: Dieser Stempel besagt, dass Hertas Akte am 16. August 1993 auf Mikrofilm übertragen wurde. Da gab es die Securitate aber längst nicht mehr.“

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