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Hegel und die Finanzkrise : Der Geist ist heiß

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Seine Staats- und Rechtsphilosophie ist gerade auch in ihren Schwachpunkten hochaktuell: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) Büste vor der Universität in Jena Bild: picture-alliance/ ZB

Der reiche und der arme Pöbel: Was der Philosoph Hegel über die Folgen der Finanzkrise wusste und warum seine Staats- und Rechtsphilosophie gerade auch in ihren Schwachpunkten hochaktuell ist.

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          Als Thilo Sarrazin und die Journalistin Güner Balci kürzlich beschlossen, in Kreuzberg mal nach dem Rechten zu sehen, wurden sie von einem Passantenpaar vor laufenden Fernsehkameras verbal attackiert. Aus dem Vorgang folgerten einige Zeitungskommentatoren, dass in Kreuzberg der Pöbel herrsche. Auf den konkreten Fall bezogen, war das ein Fehlschluss, denn von einer Herrschaft der Passanten über Sarrazin, die zudem dem Auflagenmillionär sozial sichtlich unterlegen waren, konnte nicht die Rede sein.

          Interessant war aber der scheinbar selbstverständliche Gebrauch des Begriffes „Pöbel“ in Bezug auf die Bevölkerung Kreuzbergs. Kreuzberg ist nämlich in einem wirklich tiefen Sinn mit dem Pöbel verbunden. Es war im Sommer 1831, als der erste Theoretiker des Pöbels in der bürgerlichen Gesellschaft, der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, auf Anraten seiner Frau Marie aus gesundheitlichen Gründen ins damals in einem anderen Sinn als heute grüne Kreuzberg gezogen war. In seinem „Schlösschen am Kreuzberg“, wie Hegel seine Villa nannte, hatte der Philosoph dann auch einen erholsamen Sommer verbracht. Vor der nach Berlin vordringenden Choleraepidemie konnte ihn aber auch die Stärkung im Grünen nicht schützen, und so war der Kreuzberger Sommer der letzte des Theoretikers des preußischen Staates.

          Eine Kreuzberglinie zieht sich aber bis heute von Hegel in die Welt. So hat der Hegelinterpret Vittorio Hösle 1998 das zeitgenössische Pendant zu Hegels Pöbel im „arbeitslosen Punk“ gesehen. Zu einer Zeit also, als Kreuzberg wahrscheinlich der einzige Stadtteil einer Weltmetropole war, der den Punks auch ein Denkmal gewidmet hat. Hinzu kam dann neulich noch in der F.A.Z. eine Aktualisierung Hegels, die man mit einer der wichtigsten Denkfiguren des Philosophen nur als „List der Vernunft“ bezeichnen kann.

          Geld statt Recht

          Der ehemalige Kulturstaatsminister – ein Amt im Übrigen, das dem späten Hegel sehr gefallen hätte – Michael Naumann hatte in seinem Bericht aus einer Kabinettssitzung der rot-grünen Koalition unter Bundeskanzler Schröder die Charakteristik einer sogenannten „Fuck-you-Politik“ versucht. Wahrscheinlich ohne es zu ahnen, hat Naumann damit eine Seite des Hegelschen Pöbelbegriffs für die Gegenwart fruchtbar gemacht, welche die meisten Interpreten Hegels übersehen. Hegel kannte nämlich nicht nur den armen Pöbel.

          „Es gibt auch reichen Pöbel“, bemerkte Hegel 1821/22 in seinen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie. Und eines der entscheidenden Kennzeichen des reichen Pöbels in Hegels Konzeption spricht auch Naumann an. Der reiche Pöbel setzt die Souveränität seiner rein ökonomischen Macht gegen die Souveränität des Staates und seiner Institutionen. Der reiche Pöbel erhebt sich kraft der Macht seines Geldes über das Recht des Staates. Naumann nennt diese Gleichgültigkeit der Reichen gegenüber dem Staat „Fuck-you-Politik“ und sieht in ihr eine der Ursachen der derzeitigen Finanzkrisen (Krise des Bürgertums: Auch die Linke ahnte nichts). Und dass dieser reiche Pöbel neuerdings auch Interesse an Kreuzberg entwickelt hat, dafür gibt es verschiedene Indizien. Der in Kreuzberg lebende Schriftsteller Jan Peter Bremer gab seinem aktuellen Roman nicht ohne Grund den Titel: „Der amerikanische Investor“ (Von einem, der ausziehen sollte: Jan Peter Bremers Roman „Der amerikanische Investor“).

          Naumann macht dann allerdings den Fehler, der reichen „Fuck-you-Politik“ mit moralisierendem Räsonnement zu Leibe zu rücken und gleichzeitig zu behaupten, auch die Linken hätten von den neueren Entwicklungen, die in den Finanzkrisen kulminieren, nichts geahnt. Das stimmt nachweislich nicht und zeugt in erster Linie von einem Begriff der Linken, der sich nur an bestehenden Parteienkonstellationen orientiert und die akademisch-wissenschaftliche Linke ausschließt.

          Hegel und Haiti

          Man kann das jetzt sehr schön an zwei in akademischen Zusammenhängen entstandenen Büchern überprüfen. Frank Rudas Studie „Hegels Pöbel“ und Susan Buck-Morss’ „Hegel und Haiti“. Beide Bände sind wissenschaftliche Arbeiten, die sich trotzdem sehr gut lesen lassen, weil sie sich nicht in einem akademischen Jargon verlieren. Buck-Morss’ Buch liest sich zeitweilig sogar wie ein philosophischer Krimi. Und um Kriminalgeschichten von oben und unten geht es auch in „Hegels Pöbel“. Beide Studien lassen sich dabei in eine allgemeine Tendenz des linken Denkens einfügen, die man mit der Formel umschreiben könnte: zurück zu Hegel nach vorn.

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