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Hegel und die Finanzkrise : Der Geist ist heiß

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Denn nachdem, spätestens mit dem Untergang des Sowjetsystems, das Proletariat und damit die Arbeiter als der unermüdliche Motor von industrieller Entwicklung und Geschichte ausgefallen sind, wird Hegels Staats- und Rechtsphilosophie gerade auch in ihren Schwachpunkten hochaktuell. Die in seiner Zeit als konservativ geltende Philosophie Hegels ist im Kern immer „Revolutionsphilosophie“ (Joachim Ritter) geblieben. Denn es sollten sich „Aufgeklärte und Unaufgeklärte die Hand reichen“, wie es im sogenannten „Ältesten Systemfragment des deutschen Idealismus“ von 1797 heißt, das als handschriftliches Manuskript in Hegels Nachlass gefunden wurde. Nur dadurch werde „ewige Einheit unter uns herrschen“ und „nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern“.

Für den zum beamteten Professor gewordenen Hegel standen dieser „Einheit unter uns“ dann aber der Pöbel und Haiti entgegen, die er nicht in seine Philosophie integrieren konnte. Ruda und Buck-Morss greifen Hegel mit ihren Arbeiten dabei gleichsam unter die Arme. Ihnen geht es darum, Pöbel und Haiti ins Hegelsche System einzuführen, das ja nur das „Ganze als das Wahre“ denken kann. Buck-Morss’ Vorhaben lässt sich mit einer Anekdote illustrieren. Für Hegel waren Afrika, Sibirien und die Karibik schlicht Orte, an denen sein Weltgeist nichts zu suchen hatte. In der Karibik und in Südamerika zum Beispiel sei es für den Geist einfach zu heiß. Eine Ansicht, die Hegel aber nicht daran hinderte, in seinen Vorlesungen vom Leben der Papageien am Amazonas zu berichten.

Zufällig war eines Tages ein Hörer aus Südamerika unter Hegels Studenten in Berlin, der den Philosophen nach der Vorlesung darauf hinwies, dass die Papageien am Amazonas aber „ganz anders seien“. Hegels Antwort darauf lautete: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit.“ Buck-Morss schmuggelt nun diese südamerikanische Wirklichkeit in Hegels Denken, indem sie schlüssig nachweist, dass Hegel von der Revolution in Haiti 1791 Kenntnis gehabt haben muss. In Haiti hatten ehemalige Sklaven gegen die französischen Besatzer revoltiert und 1804 ihre Unabhängigkeit von Napoleons Frankreich erklärt. Ein Ereignis, das in den englischen Zeitungen, deren tägliche Lektüre Hegel als ein wirkliches „Morgengebet“ empfand, ein großes Thema war.

Armut für immer

Buck-Morss glaubt nun, daraus schließen zu können, dass es die Kenntnis der haitianischen Revolution war, die Hegel zu seinen Passagen zum Herr-Knecht-Verhältnis in der „Phänomenologie des Geistes“ anregte, und nicht die französische Revolution, die mit Napoleon schon an ihr Ende gekommen war. Ihre Forderung läuft darauf hinaus, ab jetzt Hegel nicht mehr ohne Haiti zu denken und damit wieder eine universalgeschichtliche Perspektive ohne Ausschluss einzuführen.

Ebenso versucht Frank Ruda dem Pöbel wieder eine gesellschaftliche Perspektive zu geben. Hegels Denken biete dazu bessere Voraussetzungen als jede andere Philosophie. Hegel war der erste Denker, der erkannte, dass die Armut untrennbar mit der bürgerlichen Reichtumsproduktion zusammenhängt. „Was die Armut anbetrifft, so wird sie immer in der Gesellschaft sein, und je mehr, je größer der Reichtum gestiegen ist“, heißt es in seinen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie. Jeder neu erzeugte oder auch erarbeitete Reichtum führe zwangsläufig zur Produktion von Armut. Dagegen sei in der bürgerlichen Gesellschaft kein Kraut gewachsen.

Hegels Crux war nun aber, dass Armut Menschen nicht zwangsläufig zum Pöbel macht. Im Unterschied zu den Armen, die demütig, auch bettelnd, ihre Almosen hinnehmen, haftet dem Pöbel ein willentlicher Schritt zur Rechtsverachtung an. Ein Problem, das nicht auf den armen Pöbel beschränkt bleibt, „weil die Erzeugung des Pöbels zugleich die größere Leichtigkeit“ mit sich bringt, „unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren“. Eine Diagnose, die soziologisch noch nie so wirklich war wie in den letzten dreißig Jahren und damit eine universelle Gültigkeit erlangt hat, von der Hegel nur träumen konnte.

Rudas analytische Erweiterung Hegels besteht darin, dass er den armen Pöbel als Pöbel aus Notwendigkeit und den reichen Pöbel als Pöbel aus Zufall fasst, aus Erbe, Lottogewinn oder eben Finanzmarktgeschäften, die immer ein unberechenbares Spielergeschäft mit Glück oder Pech bleiben. In der Möglichkeit, dass wir durch sozialen Abstieg infolge hemmungsloser Reichtumsproduktion in den Händen weniger alle zum Pöbel aus Notwendigkeit werden könn(t)en, sieht Ruda eine neue Universalität heraufziehen, die es erst einmal „nur“ zu denken gilt.

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