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Habermas-Archiv : Beschenktes Frankfurt

Jürgen Habermas Bild: AP

In Form eines „Vorlasses“ hat Jürgen Habermas sein umfangreiches Archiv der Universität Frankfurt vermacht. Angesichts seiner engen Kontakte zu Siegfried Unseld und dem Suhrkamp Verlag kommt diesem Akt keine geringe symbolische Bedeutung zu.

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          Wenn Universitäten sich vornehmen, etwas für ihr Image zu tun oder, wie es oft heißt, für ihre „corporate identity“, dann geht das oft mit dem Bedrucken von T-Shirts und neuen Logos auf ihrem Briefpapier aus. Die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität kann jetzt allerdings einen außerordentlichen Zugewinn vermelden, den man als ganz anderen Beitrag zu ihrem Selbstbewusstsein verstehen darf. Das umfangreiche Archiv des Philosophen Jürgen Habermas, der bis 1994 in Frankfurt lehrte, wird in Form eines „Vorlasses“ aus Starnberg, wo Habermas lebt, an ihr Universitätsarchiv übergehen. Das hat der Philosoph gerade in einem Schreiben an Werner Müller-Esterl, den Universitätspräsidenten, mitgeteilt. Sein Vorlass enthält die Entwürfe und Manuskripte der mehr als fünfzig Bücher von Habermas sowie seine wissenschaftliche Korrespondenz.

          Allein Letztere dürfte, angesichts der zentralen intellektuellen Stellung von Habermas in akademischen wie publizistischen Debatten der Bundesrepublik, einen außerordentlichen Rang für die Ideengeschichtsschreibung nach 1945 haben. Zusammen mit den Nachlässen anderer Autoren der Frankfurter Schule - Horkheimer, Adorno, Mitscherlich, Marcuse und Löwenthal -, die sich in der Universitätsbibliothek und im Institut für Sozialforschung befinden, entsteht in Frankfurt auf diese Weise ein besonderer Sammelort. Ein Archivzentrum gehört zum Neubau der Universitätsbibliothek, der bis 2014 abgeschlossen sein soll.

          Pflege örtlicher Traditionen

          Wissenschaftliche Schulen wie die Frankfurter heißen nicht zufällig nach den Orten, an denen sie entstanden sind. Heute wird die lokale Verdichtung des geistigen Lebens oft vermisst, so wie auch die Universitäten mitunter darunter leiden, nur als Organisationen, nicht aber als Orte wahrgenommen zu werden. Die Erinnerung daran, dass es vor kurzem auch noch anders ging, und die entsprechende Pflege Frankfurter Traditionen der Geisteswissenschaft sowie des städtischen intellektuellen Milieus sind es auch, um die es bei den Bemühungen der Universität um das Archiv des Suhrkamp Verlages geht. Die ungefähr zwei Kilometer Akten, die sich bereits in der Universitätsbibliothek befinden, waren von dem im Wegzug von Frankfurt begriffenen Suhrkamp Verlag, der Geld dringend gebrauchen kann, zum Verkauf angeboten worden.

          Außer der Goethe-Universität, an der bereits äußerst lesenswerte Briefeditionen aus diesem Nachlass heraus entstanden sind und die den Wert des Archivs kürzlich hat schätzen lassen, bewirbt sich auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach darum. Beide Institutionen stehen in Verbindung zu ihren Kultusministerien - die nicht zuletzt darauf achten müssen, dass es nicht zu einem Bieterwettbewerb zweier öffentlicher Einrichtungen zu Lasten des Steuerzahlers kommt - und zu Spendern, die den Ankauf jeweils ermöglichen sollen. Angesichts der engen Kontakte von Jürgen Habermas zu Siegfried Unseld und dem Suhrkamp Verlag, der ihn verlegte und den er über Jahrzehnte hinweg beriet, kommt seiner Archivzuwendung an Frankfurt keine geringe symbolische Bedeutung zu.

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