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Griechenland-Krise : Der Parnass steht zum Verkauf

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Sind die Taxifahrer immer noch so raffgierig? Die Korruption hat alle Schichten der griechischen Gesellschaft erfasst Bild: AFP

Man wacht auf und stellt fest, dass das Geld weg ist: Niemand weiß, wie es mit Griechenland weitergeht. Eine Rückkehr in ein Land, in dem nichts mehr ist, wie es war. Von John Banville

          3 Min.

          Die Straße von Athen nach Delphi verläuft kilometerweit durch eine ziemlich eintönige Ebene, linker Hand erstreckt sich der Golf von Korinth, doch das Meer sehen wir nur einmal, als wir nach Süden abbiegen, auf der Suche nach einer Ortschaft mit Taverne, in der es vielleicht etwas zu essen gibt. Am Fuß des Parnass liegt das Heiligtum von Delphi. Die Straße dort hinauf wird von Oleander und blühendem Ginster gesäumt, dessen starker Duft mich verrückterweise an meine irische Kindheit und an den Garten meiner Mutter erinnert. Der Berg, noch im Frühsommer mit schneebedecktem Gipfel, ragt in geheimnisvoller Erhabenheit vor uns auf. Wir sind an Straßenschildern vorbeigekommen, die den Weg nach Sparta und Theben wiesen.

          Dies ist heute das klassische Griechenland, von dem ich mein Leben lang bei Aischylos, Sophokles und Pindar gelesen habe. Es war also alles real, und zweitausendfünfhundert Jahre später ist es noch immer real. Dann biegen wir um eine Kurve, und inmitten dieser wunderbaren Landschaft steht ein gigantisches Reklameschild der Parnassos Immobilien-Gesellschaft.

          Athen ist ein unaufhörlicher Albtraum

          Mitte der sechziger Jahre war ich zum letzten Mal in Griechenland gewesen. Athen war nicht sehr groß damals, aber sehr laut, eine Stadt, die noch die Narben der deutschen Besatzung und des erbittert geführten Bürgerkriegs aufwies. Athen war keine Stadt wie Paris oder San Francisco, in die man sich auf den ersten Blick rettungslos verliebt. Athen war hart, hektisch, noch immer zerrissen von Verbitterung und uraltem Groll, und ich war mit dem Schiff nach Mykonos geflüchtet, das damals karg und herzzerreißend schön war und wo Esel das einzige Transportmittel waren. Jetzt war ich wieder in Athen, und diesmal wartete keine Insel auf mich. Die Stadt war ein unaufhörlicher Albtraum, und nach den jüngsten Gewaltausbrüchen lag eine neue Verbitterung in der Luft. Griechenland war praktisch bankrott, die Leute waren auf die Straßen geströmt, um zu protestieren – gegen alles und jeden –, und drei Menschen waren ums Leben gekommen, nachdem Demonstranten eine Bank angezündet hatten.

          Der Syntagma-Platz kocht über: Demonstrationen vor dem griechischen Parlament in Athen

          An einem Tag war ich mit einem irischen Diplomaten zum Lunch verabredet. Er hatte mich in ein authentisch griechisches Restaurant führen wollen, das er kannte, doch es war Freitag, und über Mittag war das Lokal groteskerweise geschlossen. Daraufhin gingen wir in das unverschämt luxuriöse Hotel „Grande Bretagne“ am Syntagma-Platz und aßen im sagenhaften „GB Corner“, dessen Panoramafenster einen geradezu unwirklich malerischen Blick auf die Akropolis und die honigfarbenen Steine des Parthenon boten.

          Die Griechen sind stolz auf das Frisieren der Bücher

          Die riesigen Fensterscheiben, vor denen wir saßen, bebten und zitterten unter den heftigen Böen eines frühen Meltemi, der sonst im Sommer von der Ungarischen Tiefebene herunterfegt. Während die isländische Aschewolke sich vorübergehend verzogen zu haben scheint, wurde nun, in Athen, eine andere Staubwolke angekündigt, diesmal aus Afrika. Und richtig, als wir beim Kaffee angelangt waren, verfinsterte sich der Himmel über der Akropolis, und Regentropfen, groß wie Fünfzig-Cent-Münzen, klatschten draußen auf die Terrasse und zogen Spuren von rotem Saharasand über die Tische. In der Tat, das Leben ist bunt und manchmal voller exotischer Querverbindungen.

          Tags zuvor hatte ein befreundeter linker Verleger, dessen Vater während der Militärdiktatur in den späten Sechzigern drei Jahre im Gefängnis gesessen hatte, mir das Wirtschaftsethos seiner Landsleute und ihre Einstellung zum Geld erklärt. Von meinem letzten, weit zurückliegenden Aufenthalt her entsann ich mich der Raffgier von Taxifahrern, Hotelangestellten und anderen und fragte, ob diese Mentalität noch immer anzutreffen sei. Mein Freund sagte, dass Korruption nicht nur in den unteren, sondern inzwischen auch in den höheren Schichten weit verbreitet sei. „Wer sich heutzutage einer Operation unterzieht“, sagte er, „sollte dem Chirurgen zuvor einen gefüllten Geldumschlag überreichen, damit er das Skalpell mit ruhiger Hand führt.“ Und das Frisieren der Bücher, jahrelang im Finanzministerium betrieben, sei aus Sicht der Täter keineswegs verwerflich, sondern ein cleveres, legitimes Gaunerstück, auf das man stolz sein könne.

          Näher am Orient als man es wahrhaben will

          Der irische Diplomat pflichtete dieser Analyse bei. „Man muss einfach sehen“, sagte er, „dass Griechenland orientalischer ist, als wir glauben, und nicht so westlich, wie Sie glauben.“

          Und wie soll es nun weitergehen? Am nächsten Abend stellte ich diese Frage der Tischrunde, die mein Verleger zum Essen eingeladen hatte. Die Reaktion seiner Freunde wurde mir bald vertraut – hilflose, halb ungläubige, halb amüsierte Verwunderung darüber, in welcher Lage sich ihr Land auf einmal befand. Das konnte ich nachvollziehen: Irland steht vielleicht nicht ganz so schlecht da wie Griechenland (manche sehen das gewiss anders), aber auch wir sind eines Morgens aufgewacht und mussten feststellen, dass unser ganzes Geld verschwunden war – und niemand wusste, wohin. Wie hatte das passieren können, so urplötzlich, dass man sich nur noch verdattert an den Kopf fassen konnte?

          Das Familiensilber ist schon verkauft

          Tatsächlich weiß niemand in Irland oder Griechenland, wie es weitergeht. Wir bewegen uns auf völlig unbekanntem Terrain, beim nächsten Schritt könnte der Boden unter unserem Gewicht nachgeben und uns in die Tiefe reißen. Wir würden das Familiensilber verkaufen, wenn es nicht schon verkauft wäre. Nichts wird mehr unantastbar sein. Selbst der Parnass scheint ja schon zum Verkauf zu stehen.

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