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Goethe-Ausstellung : Mein Name ist Meister, Wilhelm Meister

So wird heutzutage Literatur vermittelt: Goethe bläst einen Luftballon auf Bild: Nora Klein

Literaturausstellungen boomen. Für die Ausstellungsmacher ist das eine der schwierigsten Übungen: Wie macht man Bücher sinnlich erfahrbar? In Frankfurt zeigt das Goethe-Haus jetzt Wege in die Zukunft.

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          Wie bringt man die Aura eines Textes in einen Ausstellungsraum? Üblicherweise wird eine Handschrift, ein Typoskript, eine Erstausgabe in eine klimatisierte Vitrine gelegt, ausgeleuchtet, Erläuterungszettel dran, fertig. Das Frankfurter Goethe-Haus folgt bei seiner von heute an zu sehenden Schau pro forma dieser Tradition, indem es aus dem Archiv eine Kostbarkeit holt: Das einzige handschriftliche Zeugnis von Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, das Manuskript des siebten Buches, das Goethe in den neunziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts diktierte und mit Korrekturen versah.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Nun dient es als Ausgangspunkt, als philologisch-kuratorisches Cape Canaveral, von dem aus Versuchsraketen starten. Die Bodenstation leiten die Direktorin des Goethe-Hauses, Anne Bohnenkamp-Renken, sowie Sonja Vandenrath, Literaturreferentin der Stadt Frankfurt. Sie haben bekannte Kuratoren animiert, Auswege aus der inszenatorischen Vitrinen- und Videofalle zu erkunden.

          Das Hochstift ist in dieser Disziplin durchaus schon vorangegangen, die erste Werther-Ausstellung wurde hier bereits 1892 gezeigt. Das Interesse an gezeigter Literatur nimmt ständig zu, aber der Widerstand der Konservatoren, die ihre kostbaren Exponate ungern aus den Kühlkammern lassen, erzwingt neue Formen der Vermittlung – auch wenn der Schritt zum Computerspiel, den Evelyne Polt-Heinzl und Peter Karlhuber (Wien) planten, das Budget gesprengt hätte.

          Wie einst Mignon für Wilhelm tanzte: Der Besucher kann der Interpunktion anhand von Leuchteiern folgen
          Wie einst Mignon für Wilhelm tanzte: Der Besucher kann der Interpunktion anhand von Leuchteiern folgen :

          Goethe setzte die Satzzeichen wie Atempausen

          Auf „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ist man verfallen, weil es sich um einen kanonischen, die Gattung des Bildungsromans erst konstituierenden Text handelt, der sich ganz aus dem Geist der Poesie speist – letztere verkörpert durch die rätselhaften Figur der Mignon. Dieser haben Heike Gfrereis und Diethard Keppler die bezwingendste Interpretation gewidmet. Ein langer schwarzer Teppich folgt dem Verlauf von Wand, Treppe und Boden, eingewebt ist der Text einer Romanszene: der berühmte Eiertanz, den Mignon für Wilhelm aufführt. Leuchtende Kunststoffeier markieren die Interpunktion – Punkte, Kommata, Semikola. Man kann – ohne Schuhe – auf dem Teppich die Rhythmik der Sätze abschreiten und nachhüpfen. Und dabei memorieren, dass Goethe die Satzzeichen nicht nach grammatischer Richtigkeit, sondern nach Atempausen setzte.

          Rose Epple und Detlev Weitz haben Goethe-Ausgaben gewogen, vermessen, fotografiert. Das Ergebnis offerieren sie entlang einer schwarzen Bücherbank in Form von großformatigen Bänden, die etwa Rückenansichten sämtlicher greifbarer Roman-Ausgaben zeigen, ihren Satzspiegel nachbilden, die Vorsatzblätter versammeln. Hier wird dem Objekt Buch Rechnung getragen, seiner Körperlichkeit Ausdruck verliehen. Andere Ansätze sind weiter hergeholt und wirken auch so. Im ersten Stock des Goethehauses hat Olivia Varwig mit Petra Eichler und Susanne Kessler eine „Erinnerungsszene“ installiert: Mit Silhouetten von Vorratsregalen nebst Inhalt, einer Stimme vom Band und einer Duftwolke wird eine Speisekammer evoziert, in welcher Wilhelm seine Kindheitssehnsüchte ausgelebt haben könnte – für heutige Nasen gewöhnungsbedürftig.

          Wilhelm Meister als Superman

          Ohne Video geht es aber doch nicht: Nicola Lepp und Hannah Leonie Prinzler lassen Frauen und Männer unterschiedlichen Alters unvorbereitet Textpassagen von einem Teleprompter ablesen – fern der Perfektion von Profisprechern sind die Vorleser irritiert von der Sprache, vom ihnen nicht mehr geläufigem Vokabular, verhaspeln sich, setzen neu an. Ein Triptychon für Auge und Ohr.

          In den städtischen Raum verlängern Susanne Fischer und Friedrich Forssmann ihren Rundgang: Acht Textstationen, die den Pfaden des Romans durch das heutige Stadtbild folgen. Die knalligste Umsetzung hat das erwähnte Tandem Polt-Heinzl/Karlhuber aufgefahren: Mannshohe Bilder an zwei Seitenwänden des Arkadensaals, die sich aus Versatzstücken der Popkultur und Elementen des Frankfurter Goethe-Denkmals speisen: Entstanden sind bunte Figuren mit Sprechblasen, die die Ästhetik des neunzehnten mit der des späten zwanzigsten Jahrhunderts amalgamieren. Wir sehen Wilhelm als Superman mit Goethe-Kopf und Felix als Hosenträgerzwerg, ebenfalls mit dem Haupt des Titanen.

          So trifft die Generation Denkmal auf die Generation Barbie, und dazu atmet eine Büste des Meisters per Druckluftschlauch in einen Ballon mit der Aufschrift: „Mir gäbe es keine größere Pein, wär ich im Paradies allein“. – Als Positionsbestimmung alles in allem ein anregendes Unterfangen.

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