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Frankfurts literarisches Selbstverständnis : Verblichen, verlassen und erblüht

Und so bleibt eine Stadt literarisch: Michael Quast liest in der Kaiserhofstraße 12 aus dem gleichnamigen Roman von Valentin Senger Bild: dpa

Suhrkamp zog von Frankfurt nach Berlin - das Ende der städtischen Kultur? Die verlassene Metropole gibt sich keinem Phantomschmerz hin. Stattdessen kündigt sich der Aufbruch in ein neues literarisches Leben an.

          Ach, Frankfurt. Den leisen Seufzer meinte man gerade noch überall in der Stadt zu hören. Denn das langsame, aber unaufhaltsame Sterben des geistigen Lebens hier schien besiegelt. Die Goethe-Universität lässt nicht mehr ahnen, dass sie ein Zentrum der Achtundsechziger-Bewegung war. Das Institut für Sozialforschung lebt von verblichenem Ruhm. Und Anfang des Jahres machte sich der Suhrkamp-Verlag auf und davon, um im Labor Berlin die breiten Boulevards zu erforschen. Ehrlich gesagt: Konnte man die Suhrkamps nicht irgendwie verstehen?

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          „First we take Manhattan, und dann ab nach Berlin, da, wo die Leute nur aus Heimweh hinziehn“, heißt es treffend in einem Song, in dem sich nun die Band Blumfeld des Themas auf ihre Weise angenommen hat. Frankfurt dagegen, so meint man, nährt selbst bei Frankfurtern das Fernweh: Kleinbürgermief und Großmannssucht, Rotlichtmilieu und kalte Hochhauspracht. Oder hat man sich etwas vorgemacht? Frankfurt ohne Suhrkamp erinnert an ein altes Sofa, auf dem ein Gast etwas zu lange saß. Wenn er aufsteht, hinterlässt das auf dem Polster zwar Falten und Schrumpeln, aber schon der Nächste, der kommt, muss nur am Bezug etwas ziehen, und das verknautschte Sofa sieht wieder ganz manierlich aus, ja fast glatter und gespannter als zuvor.

          Keine Zeit zum Jammern

          Dass sich der berühmte Verlag samt seiner gleichnamigen Kultur aus dem Staub gemacht hat und dessen Archiv in die entgegengesetzte Richtung seinen Weg aus der Stadt nahm, ist schlimm für das Frankfurter Selbstverständnis. Doch im selben Moment hat der Verlust Kräfte freigesetzt, von denen kaum jemand wusste, dass es sie gab. Der Verlag hielt eine Position im literarischen Leben der Stadt besetzt, die er, zumindest in den letzten Jahren, gar nicht mehr ausgefüllt hat. Anders etwa als der S. Fischer Verlag lud Suhrkamp nie zu öffentlichen Autorenlesungen in die Verlagsräume ein.

          Eine Stadt las ein Buch - dank des Verlegers Klaus Schöffling

          So war der Schritt vom Main an die Spree für Suhrkamp vielleicht sogar konsequent. Für die Zurückgebliebenen indes bleibt kaum Zeit fürs große Jammern, denn derzeit folgt ein literarisches Ereignis auf das nächste. So beginnt an diesem Dienstag das Festival „LiteraTurm“, das seinen Namen den Hochhäusern verdankt, in deren oberen Etagen eine Woche lang die meisten der Lesungen und Podiumsgespräche stattfinden werden. Seit 2002 organisiert die Stadt alle zwei Jahre dieses Literaturfest, das unter dem Titel „radikal gegenwärtig“ dieses Jahr den zeitgenössischen Roman und seine Diagnose der Gegenwart beleuchten will. Autoren wie Katharina Hacker, die ihren neuen Roman vorstellt, Annette Pehnt oder Lutz Seiler sollen ihre Themen in die Stadt projizieren: Leuchten von oben.

          Eine Stadt hat ein Buch gelesen

          Im Gegensatz zu diesem bewährten Schema literaturbetrieblicher Aufklärung ist der gerade zu Ende gegangene literarische Reigen „Eine Stadt liest ein Buch“ - nämlich Valentin Sengers „Kaiserhofstraße 12“ - eine literarische Intervention gewesen, ein Experiment, mit einem Lichtschein von unten. Am Beginn stand die Entschlossenheit des Verlegers Klaus Schöffling, der auch ohne große finanzielle Unterstützung der Stadt an die Idee glaubte, ganz Frankfurt für einen einzigen Titel begeistern zu können. Das Format stammt aus Chicago: „One city, one book“; in Deutschland haben es schon Städte wie Köln und Heidelberg übernommen. Schöffling und seine zehn Mitarbeiter haben das Frankfurter Unternehmen im Alleingang organisiert, nach Büroschluss in der Kaiserstraße unweit des Bahnhofs, dort, wo auch die Wiederauflage des Buchs erschienen ist.

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