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FAZ.NET-Frühkritik: „Das blaue Sofa“ : Diese Sendung ist keine Talkshow

Ilja Trojanow (links) zu Gast bei Wolfgang Herles auf dem „Blauen Sofa” Bild:

Bücher innerhalb von dreißig Minuten mit Scherz, Ironie und tieferer Bedeutung präsentieren? Kurz vor Mitternacht? Unmöglich. Doch Wolfgang Herles gelingt es. Weil er Gäste einlädt, die erzählen können, was sie beschäftigt, fesselt, ängstigt.

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          Alle Zeichen deuteten auf Niederlage. Denn wie auch sollte das gut gehen? Bücher von sechs Schriftstellern innerhalb von dreißig Fernsehminuten mit Scherz, Ironie und tieferer Bedeutung zu präsentieren, zu einer Zeit bald vor Mitternacht, zu der jedenfalls berufstätige Eltern auf der Couch meist schon eingedämmert sind. Und dann auch noch auf dem blauen Sofa, das der Fernsehjournalist Wolfang Herles vor gut zehn Jahren bei den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig einführte und dem Literaturbetrieb seither nicht gerade ein Symbol für Leichtigkeit ist.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und doch hat sich Herles, der im ZDF bislang „Aspekte“ moderierte, in seiner ersten Literatursendung gestern Nacht im ZDF passabel geschlagen. Das allein ist schon ein kleines Wunder, gilt doch die Verbindung von Literatur und Fernsehen seit jeher als Mesalliance, die nur ganz wenige auf dem Bildschirm, wie Marcel Reich-Ranicki oder Elke Heidenreich, zu versöhnen vermochten.

          Dabei fing es alles andere als einladend an. Da sitzen zwei in rote Skijacken gehüllte, hinter dunkle Sonnenbrillen versteckte Gestalten auf dem blauen Sofa in hochalpiner Umgebung. Auf dem Tiroler Gletscher in dreitausendzweihundert Metern Höhe, der in Ilja Trojanows Roman „EisTau“ davon schmilzt, will Herles mit dem Schriftsteller darüber reden, warum der Gletscherforscher in seinem Roman an sich, der Welt und den Menschen verzweifelt. Trotz des zwar motivgerechten, aber bemühten Auftakts - wir kennen das von Dennis Scheck in seiner Sendung „Druckfrisch“ in der ARD - hört man dem Gespräch bald schon gebannt zu.

          Auf dem Tiroler Gletscher in dreitausendzweihundert Metern Höhe wird über Literatur diskutiert

          Die Verfertigung von Literatur ist ja ein einsames Geschäft, das sich kaum in bewegte Bilder umsetzen lässt. Herles setzt gleichwohl darauf, dass Schriftsteller, gerade in Zeiten, da die Fernsehzuschauer die immer gleichen Talkshowgäste in den immer gleichen Talkshows leid sind, die interessanteren Gesprächspartner sind. Weil sie keine abgebrühten Medienstars mit Botschaften sind, sondern erzählen können, was sie beschäftigt, fesselt, ängstigt.

          So hören wir Ilja Trojanow zu, der anhand seines Romans den schmalen Grat zwischen Idealismus und Ideologie beschreibt oder die Gefahr des Moralisierens, das dem Tragischen innewohnt. Und wir später folgen wir Josef Bierbichler, der in seinem Garten am Starnberger See über seinen Familienroman „Mittelreich“ erzählt. Während der Schauspieler grübelt, was ihn dazu bringt, im Nebenberuf alle paar Jahre das, was sich da in ihm aufstaue, auszuschütten - „Ich schreibe nicht zur Unterhaltung, ich schreibe aus Rache“ -, rückt die Kamera dem verwitterten Gesicht des Dreiundsechzigjährigen näher und näher.

          Herles kann Bierbichlers „altmeisterliche sprachliche Wucht“ gar nicht genug würdigen, doch auch mit Verrissen geizt er nicht: Ferdinand von Schirachs „Fall Collini“ ist für ihn eine „aufgeblasene Geschichte“ und „ein feiges Buch“, Osksar Roehler hält er für einen Dilettanten, dessen autobiografischer Roman „Herkunft“ sechshundert Seiten lang „einfach nur dahingeplappert“ sei. Auf Wolfgang Herles Frage, warum Josef Bierbichler sich unbedingt auf seinen eigenen Gartenstuhl setzen wollte, antwortet der, dass diese Sofas immer in Talkshows ständen - und da wolle er auf keinen Fall hin. Ich kann Ihnen versichern, kontert Herles, „diese Sendung ist keine Talkshow“. Nur deshalb ist Bierbichler überhaupt gekommen.

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