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F.A.Z.-Vorabdruck: „Nudge“ : Heimliche Anstöße für die freie Entscheidung

In allen sozialphilosophischen Themen zu Hause: Cass Sunstein, inzwischen Obama-Berater Bild: Suhrkamp

Wer will noch vom rein rationalen Entscheider reden? Oft sind es nebensächliche Arrangements, die unsere Wahl beeinflussen. Cass Sunstein und Richard Thaler haben über diese kleinen Schubser ein Buch geschrieben. Von diesem Samstag an erscheint es als Vorabdruck im Feuilleton der F.A.Z.

          Ökonomen stellen sich das Handeln oft so vor: Jemand hat eine wohlgeordnete Liste von Wünschen. Dann blickt er auf die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, und auf die Situation, also auf die Widrigkeiten und Chancen, und schließlich kalkuliert er, welche Entscheidung möglichst viel von jener Wunschliste verwirklicht. Rational sein, heißt, so verstanden, rechnen.

          Aber kann man auch rational pinkeln? Immerhin: Pinkeln ist eine Handlung. Und auch sie wirft Rationalitätsprobleme auf. Ein Ökonom in Diensten des Amsterdamer Flughafens Schiphol hat vorgeschlagen, in den dortigen Urinalen Aufkleber in Form einer Stubenfliege anzubringen. Weshalb? Weil sich die Herren auf Flughafentoiletten gern gehenlassen und am Ende des Tages eine Riesensauerei beseitigt werden muss. Also folgte man seinem Vorschlag. Mit dem Stubenfliegenabziehbild, links neben dem Abfluss, erhöhte sich die Trefferquote des Abschlaghandelns um sagenhafte achtzig Prozent.

          Der gefürchtete Schubser

          Für die Theorie des Handelns heißt das: Gib den Leuten ein Ziel, und sie versuchen, es zu treffen. Das ist, von den Annahmen der Ökonomen aus betrachtet, grundstürzend. Die Situation selbst, heißt das nämlich, beeinflusst die Wünsche. Und es heißt: Kleine, nebensächliche Arrangements, wie zum Beispiel Abziehbilder von Fliegen, verändern das Entscheidungsverhalten. Richard Thaler und Cass Sunstein haben ein ganzes Buch über diesen Einfluss kleiner Anstöße auf unser Entscheiden geschrieben: „Nudge“. Thaler ist Ökonom, Sunstein Jurist. Thaler hat sich mit Anomalien des wirtschaftlichen Handelns beschäftigt, Sunstein mit so gut wie jedem sozialphilosophisch bewegenden Thema.

          Denkanstoß für die Unentschiedenen: der Ökonom  Richard Thaler

          Beide arbeiten an der Universität von Chicago, an der zeitweilig auch Barack Obama lehrte, der Sunstein nun zu seinem Direktor des „Office of Information and Regulatory Affairs“ gemacht hat. Dort wird er sich nicht um unreinliche Toiletten kümmern, aber das Problem, das dieses Beispiel illustriert, reicht weit in die Fragen hinein, die uns heute dringlich erscheinen. Denn wie verhält es sich etwa mit den Verbraucherinformationen auf Lebensmitteln? Die Industrie kämpft heftig gegen die Pflicht, genau deklarieren zu müssen, was drin ist. Weshalb? Weil sie zu Recht fürchtet, dass schon der Aufdruck „gentechnisch verändert“ oder „Sägespäne erzeugen den Mandelgeschmack“ genügen würde, um Käufer abzuschrecken.

          Man fürchtet den Schubser. Er ist, wie das Bild der Fliege im Urinal, ein ebenso harmloser – wer kann eigentlich etwas gegen Information haben? – wie wirksamer Schubser in die Richtung der betreffenden Entscheidung.

          Wer nicht verneint, bejaht

          Von solchen Schubsern – Englisch: nudges – handelt das Buch, das wir in den kommenden Wochen in Auszügen vorabdrucken werden. Ein „Nudge“ ist ein Anstoß, ein Hinweis, eine Erinnerung, eine zurückhaltende Warnung, ein „Schau mal“, das Entscheidungen oft viel mehr zu bestimmen vermag als Rechenoperationen. Das Buch von Thaler und Sunstein handelt von „Entscheidungsarchitekturen“, also der Möglichkeit, das Verhalten von Menschen durch bloßes Umarrangieren der Entscheidungslage zu beeinflussen.

          Nehmen wir die Organspende: Wie viel anders sieht es mit der Bereitschaft dazu aus, je nachdem, ob man sie ausdrücklich ablehnen oder ihr ausdrücklich zustimmen muss? Der sanfte Schubs, den Leuten ein „Nein“ abzuverlangen, erhöht die Bereitschaft zur Hilfe erheblich gegenüber einer Entscheidungsarchitektur, in der man auf ihr „Ja“ wartet. Denselben Schubser wenden Verleger an, die einen Abbruch des Abonnements von der Bereitschaft zu kündigen abhängig machen. Wer nicht „nein“ sagt, sagt „ja“. Man kann eine ganze Liste solcher Entscheidungen anlegen, die von solchen Schubsern abhängig sind.

          Das gefügige Wesen

          Cass Sunstein hat die hinter diesem Argument steckende Idee einen „liberalen Paternalismus“ genannt. Das ist der Schlüsselbegriff dieser Theorie – und ein Paradox: Freiheit und Bevormundung sollen kein Gegensatz sein. Es geht Sunstein und Thaler darum, den Gegensatz von eigenem Wollen und Beeinflussung auszuhebeln: Die gute Entscheidung ist oft eine, die beeinflusst und vielleicht sogar ein bisschen manipuliert wurde.

          Es gehe, so die Autoren, darum, die Menschen zu klugen Entscheidungen zu ermuntern, ohne sie zu bevormunden. Wie das funktionieren kann, das versucht „Nudge“ zu zeigen. Der Vorabdruck dieses Buches ist insofern selbst ein Beispiel für seine Theorie: Wir versuchen Sie dadurch ein bisschen zum Nachdenken über die Umstände hin zu schubsen, unter denen Sie selbst Entscheidungen treffen. Es sind, so viel kann man sagen, ohne zu viel zu verraten, ziemlich merkwürdige und keinesfalls rationale Umstände. Man wird sich als manchmal vernünftiges, aber manchmal auch nur gefügiges Wesen wiedererkennen in diesem Buch.

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