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Englische Querelen : Auf welcher Seite saßen hier die Pöbler?

  • -Aktualisiert am

Vom Londoner Auftritt bieten die Agenturen keine Fotos. Deshalb Thilo Sarrazin am 13. Januar in Dresden Bild: dapd

Der Londoner Sarrazin-Eklat in der deutschen Presse: Das Wort „Arschloch“ ist ein Argument - wenn Henryk M. Broder es verwendet. Er hatte noch andere Verbalinjurien parat und hat sie inzwischen auch approbiert.

          Man muss kurz rekapitulieren, was genau passiert ist. Die deutsche Studentenvereinigung der London School of Economics (LSE), einer der weltweit führenden wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Universitäten, veranstaltet in dieser Woche ein Symposion mit deutscher Prominenz aus Wirtschaft und Gesellschaft.

          Zum Auftakt am Montag wollte die German Society eine Integrationsdebatte unter dem Titel „Die Zukunft Europas - Untergang des Abendlandes?“ abhalten. Sie lud Thilo Sarrazin, den Publizisten Henryk M. Broder, den Literaturkritiker Hellmuth Karasek und Ali Kizilkaya, den Vorsitzenden des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, ein.

          Kurz nach Veröffentlichung dieser Rednerliste vor gut einer Woche regte sich unter deutschen Studierenden an der LSE und anderen britischen Hochschulen Unmut über die Zusammensetzung der Runde. Bis zum Abend der Veranstaltung unterzeichneten mehr als zweihundert deutsche Wissenschaftler und Studierende einen offenen Brief, der deutlich machen wollte, dass mit Sarrazin und Broder zwei Sprechern eine internationale Plattform geboten wird, die - so der Brief - „maßgeblich zur Verunsachlichung der Integrationsdebatte in Deutschland beigetragen haben“.

          Sieht eigentlich ganz friedlich und zufrieden aus: Broder im vergangenen September bei „Maybrit Illner”. In London gab's dann Verbalinjurien

          Der Brief und seine Unterzeichner, zu denen auch die Autoren dieses Artikels gehören, forderten kein Redeverbot, sondern baten die Veranstalter um ein ausgeglichenes Podium, das dem Ruf der Weltoffenheit, Liberalität und akademischen Exzellenz der LSE gerecht wird, anstatt einem Altmänner-Debattierclub die Chance zu geben, Ängste zu schüren.

          Scharfe Kommentare in britischen Presse

          Gleich nach Veröffentlichung der Petition gab Henryk M. Broder den Einsatz für die weitere Berichterstattung. In seinem Blog „Die Achse des Guten“ höhnte er, „progressive Elemente“ wollten den Auftritt Sarrazins verhindern. Seine Weiterverbreitung des offenen Briefs erläuterte er gegenüber der „Märkischen Allgemeinen“ mit dem Satz, er wolle Journalisten-Kollegen an einem „seltenen Karzinom“ teilhaben lassen. Gemeint war damit der Appell einer Gruppe aus Masterstudenten, jungen Dozenten in London und Oxford und gestandenen Professoren für Politik und Recht.

          In der Zwischenzeit war die Veranstaltung auch in der Universitätsleitung diskutiert worden. Sie entschied sich, getreu dem britischen Recht auf Redefreiheit, zunächst keinen Einspruch zu erheben. Erst als sich am Montag auch die Londoner Presse dem Auftritt Sarrazins mit scharfen Kommentaren widmete und Proteste britischer Civil-Rights-Organisationen angekündigt wurden, sah die LSE sich aus organisatorischen Gründen nicht in der Lage, die Veranstaltung wie geplant durchzuführen.

          Die „Integrationsdebatte“, schließlich von der German Society in den Ballsaal des Hotels Waldorf Hilton verlegt, bot genau die Klischees, dessen anberaumte Zelebrierung auf dem Campus der LSE wir deutsche Studierende in Großbritannien kritisch kommentiert hatten. Broder machte ratzfatz aus der Integrations- eine Islamdebatte und forderte die Abkehr vom „Appeasement“-Kurs des Westens.

          Die richtigen und die falschen Türken

          Er warnte, Gaddafi werde Europa mit der Drohung, die „Schleusen“ von Migranten aus Afrika nach Europa „zu öffnen“, in Geiselhaft nehmen. Thilo Sarrazin unterschied zwischen „richtigen“ und „falschen Türken“ in Deutschland und warf muslimischen Bürgern vor, sich „mental nicht integrieren zu wollen“. Hellmuth Karasek verwies auf eine Ungleichzeitigkeit der Religionen, und Ali Kizilkaya antwortete auf all das mit stoischer Ruhe und der Bitte, den anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu sehen.

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