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Eine Zäsur : Suhrkamp ohne Unseld

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Abschied von Suhrkamp: Joachim Unseld Bild: Wonge Bergmann

Nach mehr als dreißig Jahren trennt sich Joachim Unseld jetzt von seinen Suhrkamp-Anteilen: Für den Verlag ist dieser Schritt die größte Zäsur seit dem Tod von Siegfried Unseld. Ein Königsdrama scheint seinem Ende entgegenzusteuern.

          Joachim Unseld scheidet bei Suhrkamp aus: Für den Verlag ist dies die größte Zäsur seit dem Tod von Siegfried Unseld vor acht Jahren. Damit scheint das Königsdrama, das ein Shakespeare in den Verwicklungen, Verwerfungen und Verletzungen seiner Protagonisten nicht blutiger hätte entwerfen können, nun tatsächlich auf ein Ende zuzusteuern. Seit 1978 war der Sohn des Verlegers als Gesellschafter mit den Geschicken jenes Hauses verbunden, das er zeitweilig zusammen mit seinem Vater leitete und zu dessen Weiterführung er bis zum Zerwürfnis Anfang der neunziger Jahre vorherbestimmt schien.

          Rechtzeitig zum Jubiläumsjahr 2010, in dem Suhrkamp sein sechzigjähriges Bestehen feiern will, hat Joachim Unseld nun seine Anteile zu gleichen Teilen an die bisherigen Mitgesellschafter, die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung und die Medienholding AG Winterthur, veräußert; die Familienstiftung von Unselds Witwe Ulla Berkéwicz erhöht ihren Anteil damit auf 61 Prozent, die Schweizer Medienholding des Unternehmers Hans Barlach hält künftig 39 Prozent.

          Der ungeliebte Gesellschafter

          Das ist eine gute Nachricht – für alle Seiten. Denn durch sein Ausscheiden durchbricht Joachim Unseld den Teufelskreis aus gegenseitigen Vorwürfen und komplizierten Rechtsstreitigkeiten. Der zermürbende Stellungskrieg dürfte die ineinander verbissenen Parteien in den vergangenen Jahren nicht nur viel Energie, sondern auch stattliche Anwaltshonorare gekostet haben. Mit dem Austritt Unselds sind nun auf einen Befreiungsschlag alle juristischen Auseinandersetzungen beigelegt, mit denen der Minderheitsgesellschafter und die Verlagsführung einander in den vergangenen Monaten blockierten. Nachdem Unseld im Februar seine Zustimmung zum geplanten Umzug nach Berlin verweigert hatte und über den Verkauf der Verlagsarchive an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach nicht einmal informiert worden war (siehe Das Suhrkamp-Archiv geht nach Marbach), hatte er seine Rechte als Gesellschafter vor Gericht einzuklagen versucht. Suhrkamp hielt mit Befangenheitsanträgen dagegen. Hätte Joachim Unseld den Streit bis zum möglicherweise bitteren Ende ausgefochten, hätte dies nicht nur die Geschäftsführung Suhrkamps in ihrer Gestaltungsfreiheit auf lange Zeit hinaus behindert, sondern den Verlag womöglich in den finanziellen Ruin gezwungen. Dann wären jedoch auch Unselds Anteile wertlos geworden.

          Er scheide „aus freien Stücken“ und mit sofortiger Wirkung aus, sagt Unseld. Über die Ablösesumme für seine Anteile wurde Stillschweigen vereinbart; da Suhrkamp dem Vernehmen nach in nächster Zeit die erste Rate aus Marbach für die Archive erwartet, konnte man es sich wohl leisten, dem ungeliebten Gesellschafter ein angemessenes Angebot zu machen.

          Rettung im Rückzug

          Für den Verlag öffnen sich nun endlich jene Schranken, die ihn zuletzt aufs Abstellgleis zu zwingen drohten. Denn jetzt können wesentliche Entscheidungen zur Neuordnung des Verlags vorbehaltlos umgesetzt werden – zumal die nun verbliebenen zwei Gesellschafter inzwischen ihre ehemaligen Differenzen offenbar nicht nur formaljuristisch beigelegt haben und gut zusammenarbeiten. Wie Hans Barlach im Gespräch erzählt, haben die beiden übrig gebliebenen Kommandantisten sich im Zuge des Ausscheidens von Unseld auf einen neuen Gesellschaftervertrag geeinigt. Während das alte Vertragswerk kaum Bewegung zugelassen habe, ist die neue Verfassung der KG Barlach zufolge besser auf die Geschäftsziele zugeschnitten und schließt „Eifersüchteleien“ von vornherein aus.

          Jetzt soll es nur noch ein gemeinsames Thema geben: „die positive Entwicklung des Unternehmens“. Die Berufung eines neuen Beirats steht bevor; auch Barlach selbst will stärkere Präsenz zeigen. Vor allem aber dürfte dem Verkauf von nicht betriebsnotwendigem Eigentum „wie Immobilien, Kunst und Archiven“ jetzt nichts mehr im Wege stehen. Ein notarielles Kaufangebot des Frankfurter Projektentwicklers FGI für die Verlagsgrundstücke in der Frankfurter Lindenstraße soll der Geschäftsführung bereits vorliegen. Im Januar schlägt Suhrkamp seine Zelte – bis zum endgültigen Einzug ins feine Nicolaihaus 2012 – zunächst im ehemaligen Finanzamt in der Pappelallee in Prenzlauer Berg auf. Dort wird es dann zwar insgesamt weniger Mitarbeiter geben. Aber es sind auch Neueinstellungen angekündigt.

          Indem er ihn loslässt, hat Joachim Unseld den Verlag seines Vaters möglicherweise gerettet. Als Gesellschafter hat er auf die Entwicklung Suhrkamps in den vergangenen Jahrzehnten letztlich nie einwirken können; jetzt gelingt ihm dies ausgerechnet im Rückzug. Die Nabelschnur, die den Sechsundfünfzigjährigen mit diesem geistigen Vermächtnis verband und die sich zu einem gordischen Knoten verheddert hatte, ist gekappt. Von der dadurch gewonnenen Freiheit – und wohl auch dem mitgelieferten Kapital – wird nun nicht zuletzt sein eigener Verlag, die Frankfurter Verlagsanstalt, profitieren. Ulla Unseld-Berkéwicz wiederum bekommt mit diesem für den Sohn gewiss schmerzhaften Schnitt die Chance, das Haus endlich ganz nach ihren Vorstellungen zu führen. Sie allein beherrscht nun die Bühne. Dass Suhrkamp dadurch jetzt allerdings ein Verlag wie jeder andere werden könnte, steht nicht zu befürchten.

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