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Eine Ausstellung feiert Marcel Reich-Ranicki : Für den besten und folgenreichsten Leser

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Stehender Applaus für einen Aufrechten: Marcel Reich-Ranicki am Sonntag im Museum Judengasse in Frankfurt Bild: dpa

Bleibe guter Geist ihm hold: Das Jüdische Museum Frankfurt gratuliert Marcel Reich-Ranicki mit einer Ausstellung. In Bildern und Dokumenten lässt sie wichtige Stationen zu Leben und Karriere, also die Spitzen des Zentralmassivs Reich-Ranicki Revue passieren.

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          „Bitte bedienen Sie sich!“ Dieser Aufforderung sind seit jeher alle nur zu gern nachgekommen, als wäre die Figur, um die es geht, ein öffentlicher Kuchen. Die einen konnten nicht genug von ihm bekommen, den anderen war er zu mächtig, die dritten suchten das Rezept nachzumachen. Manche mochten ihn nicht besonders, aber alle wollten ein Stück abhaben.

          Jetzt prangt der Schriftzug über dem Ausstellungsobjekt, das Geist und Anliegen Marcel Reich-Ranickis wohl am nächsten kommt: Es ist ein Abreißkalender mit zehn Gedichten und dazugehöriger Interpretation aus der „Frankfurter Anthologie“, und ein jedes scheint wie geschaffen zu diesem besonderen Anlass.

          Joachim Ringelnatz sieht den Sand der Zeit durch Kinderhände rinnen, Karoline von Günderode singt mit „Die Luftschiffer“ ein schwereloses Himmelfahrtslied, und Theodor Fontane wundert sich über den Ausstoß zu seinem Fündundsiebzigsten: „Jedem bin ich was gewesen / Alle haben sie mich gelesen, / Alle kannten mich lange schon, / Und das ist die Hauptsache . . ., ,kommen Sie, Cohn'.“

          Der Jubilar spricht zur Ausstellungseröffnung

          Der Interpret des Gedichts macht in dieser Aufforderung den „Dank, vielleicht gar die Rührung“ Fontanes aus, der sich an seinem Jubeltag der Erkenntnis stellen musste, dass der preußische Adel, den er ein Leben lang gerühmt hat, ihm keine Reverenz erweist, aber andere, die seine Bücher kennen, sehr wohl gekommen sind, die Juden nämlich. Doch sei Fontanes Position zwiespältig. „Aber er war weder Philosoph noch Antisemit. Jede einseitige Betrachtung ist hier falsch, schädlich. Er war eine widerspruchsvolle Persönlichkeit, der, wie sein Dubslav von Stechlin, an ,unanfechtbare Wahrheiten nicht glaubte' und gerne alles mit einem Fragezeichen versah.“

          Er stritt ja stets für die Sache

          Der Mann war, als er dies schrieb, selbst wenige Jahre älter als Fontane bei der Niederschrift des Gedichts. Und im Hinblick auf seinen neunzigsten Geburtstag an diesem Mittwoch gibt er sich mit Sicherheit keinen solchen Illusionen hin wie dieser, schon deswegen, weil er sich nie angebiedert hat. Und doch ist diese genaue, gerechte, differenzierte Gedichtinterpretation sprechend für Marcel Reich-Ranicki und charakteristischer als viele seiner anderen, plakatgroßen Worte und Ausrufe, die natürlich auch in der Ausstellung nicht fehlen, mit der das Jüdische Museum Frankfurt ihm jetzt gratuliert.

          Die Bilder des genialen Vereinfachers, der es verstand, Literatur für Leser und Fernsehzuschauer mundgerecht und verdaulich zu machen, stimmen angesichts einer Talkshowkultur, die kaum mehr als ein Argument pro Sendung zulässt, nurmehr wehmütig. Denn er stritt ja stets für die Sache: „In wessen Namen klage ich eigentlich an? Die ehrliche Antwort auf diese Frage klingt pathetisch: im Namen der Literatur. Im Interesse der Literatur kann ich nicht zu streng sein. Mein Schützling ist auch mein Opfer.“

          Dem „Trumpf-Ass der deutschen Literaturkritik“

          Die Widmungsexemplare aus Marcel Reich-Ranickis Bibliothek, denen die Schau ihren schwungvollen, in der Handschrift von Fritz J. Raddatz gesetzten Titel „Für Marcel“ verdankt, zeugen nicht nur von einem gewissen Achtungsabstand und der Not des Eitlen, sich beim Lob eines anderen selbst mit ins rechte Licht zu rücken, sondern ebenso von Dankbarkeit und Zuneigung. Erich Kästner, dem 1974 Reich-Ranickis erster großer Artikel in dieser Zeitung galt, „zittert dem Urteil eines der wenigen Kritiker, auf dessen Meinung ich noch etwas gebe, entgegen“; Walter Jens bedenkt „das Trumpf-Ass der deutschen Literaturkritik in neidloser Bewunderung“ mit seinem „Der Mann, der nicht alt werden wollte“.

          Raddatz widmet „Erfolg oder Wirkung“ kokett „MRR, der beides hat, von einem, der keins von beiden hat“. John Updike legt Wert auf „meine Besprechung von Hemingways Briefen auf S. 158 ff. Meine armseligen und bescheidenen Gedanken zu deutschen Autoren auf Seite 442-456 . . .“ Hermann Burger denkt „Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben“ seinem „besten und folgenreichsten Leser“ zu, und Arthur Miller stellt fest: „Es ist schön zu schreiben, aber es ist noch schöner, einen guten Leser zu finden.“ Unverkrampfter, leichter, heller fallen die weiblichen Widmungen aus. „Bleibe guter Geist ihm hold“, notiert Ingeborg Bachmann. Ulla Hahn schickt ihre „Spielende“ dem, „der mich am 19. Juli 1979 in Wien zur Welt brachte, seither großzieht“, und Hilde Spiel übereignet ihre „Welt im Widerschein“ „meinem freundlichsten Kritiker, meinem kritischsten Freund“.

          Sie machen eben, was sie wollen

          Von den Hundertschaften, die zur Eröffnung gekommen waren, passten nur wenige in die beengten Räume der Schau, die in Bildern und Dokumenten wichtige Stationen zu Leben und Karriere, also die Spitzen des Zentralmassivs Reich-Ranicki Revue passieren lässt, und auch mit Autorenporträts aus seiner Sammlung und zwei Bildern seiner Frau Teofila aus dem Warschauer Getto aufwartet. Die Frage der Kuratoren nach dem Stellenwert des Judentums in seinem Leben beantwortete der Meister bei der Eröffnung auf eindrückliche Weise selbst, als er nach den Reden, unter anderem von Salomon Korn und Hellmuth Karasek, darauf hinwies, dass der letzte Satz von Beethovens Streichquartett op. 59, bekannt als Erkennungsmelodie des „Literarischen Quartetts“, ihn vor allem an das Getto erinnere.

          Weil er stets daran denken müsse, wie bitter kurz ihre Lebenserwartung damals gewesen sei, habe er es noch bis vor wenigen Tagen für höchst unwahrscheinlich gehalten, dass er diesen Geburtstag tatsächlich erleben werde. Seine erste Reaktion auf die Ankündigung der Schau sei daher gewesen: „Macht, was ihr wollt!“ Das taten dann auch alle: nämlich ihn feiern.

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