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Eichborn Verlag : Abbau statt Aufbau

Eichborn-Bücher mit Wappentier Bild: Anna Jockisch

Die Übernahme von Eichborn durch den Berliner Aufbau Verlag gestaltet sich schwierig. Offen wird inzwischen die Frage diskutiert, ob die Fusion überhaupt noch stattfindet. Eichborn steht vor dem Aus.

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          Ein Verlag kündigt für den Herbst ein Berlin-Hasser-Buch an. „Vergiss Berlin! Eine Reisewarnung“ heißt die Abrechnung mit „Boulette und Bannmeile, preußischer Überheblichkeit und neupreußischen Wichtigtuern, Sprachverhunzung und vermeintlichem Mutterwitz“. Während der Antireiseführer selbst nicht sonderlich überrascht, tut es sein Publikationsort, der Eichborn Verlag, umso mehr. Denn dort soll das Buch im September erscheinen – zu einem Zeitpunkt, an dem das 1980 in Frankfurt gegründete Haus mit der Fliege im Wappen längst selbst in Berlin residieren sollte. Nach der Fusion mit dem traditionsreichen Berliner Aufbau-Verlag Anfang des Jahres (siehe Keine Vernunftehe, sondern eine Notgemeinschaft: Die Verlage Aufbau und Eichborn wollen fusionieren) schien nichts mehr den Marsch der Frankfurter in die Hauptstadt aufhalten zu können. Inzwischen ist in der Causa Eichborn leider nichts mehr klar.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Geplant war Eichborns Umzug nach Berlin zum 1. Juli. Dieser Termin ist geplatzt. Nun wird offen die Frage diskutiert, ob der Umzug überhaupt noch stattfindet, und wenn ja, zu welchen Konditionen. Eichborns Zukunft steht damit wieder einmal dort, wohin es selbst Fliegen nicht schaffen: in den Sternen. Man treffe keine Vorbereitungen, Eichborn-Mitarbeiter nach Berlin zu holen, gab gestern der Aufbau-Geschäftsführer Tom Erben entgegen aller früheren Versprechen bekannt. Allen achtundvierzig Eichborn-Mitarbeitern ist aber aufgrund der Fusion mit Aufbau und des Weggangs nach Berlin gekündigt worden; dreizehn davon mit Änderungskündigungen, weil man sie mit ins neue Aufbau-Haus am Berliner Moritzplatz nehmen wollte, der Rest betriebsbedingt.

          Der mit dem Eichborn-Betriebsrat ausgehandelte Sozialplan, der zwischen 800.000 und 1,2 Millionen Euro Kosten verursachen wird, sei in Berlin nie unterschrieben worden, erklärt dessen Vorsitzender Claus Mirlach im Gespräch mit der F.A.Z.. Aufbau-Eigentümer Matthias Koch entgegnet dem, dass man in Frankfurt seinen Sanierungsplan, der alternativlos sei, abgelehnt habe. Und er erklärt: „Will man die Zukunft unabhängiger Häuser und damit eine eigenständige Programmarbeit sichern – denn nur so kann ein Verlag wie Eichborn überleben –, sind Synergien notwendig.“

          Führerloses Schiff

          Die Situation ist vertrackt, jeder schiebt dem anderen den Schwarzen Peter zu – doch für Eichborn, anders als für Aufbau, geht es um Ganze, steht die Existenz des Verlags auf dem Spiel. Denn inzwischen hat schon gut ein Viertel der Eichborn-Belegschaft das sinkende Schiff verlassen, ohne überhaupt noch auf eine Abfindung zu warten. In der einst von fünf lebhaften Mitarbeitern besetzten Pressestelle des Verlags harrt als Letzter Dieter Muscholl aus. Seine umtriebige Chefin Uta Niederstrasser, die im Eichborn-Katalog noch das neue Herbstprogramm vorstellt, hat inzwischen beim Berlin Verlag angeheuert – und wird somit wahrscheinlich die Einzige der Eichborn-Truppe sein, die es in die Hauptstadt geschafft hat.

          Um Eichborn steht es schon lange nicht gut. Das Programm hat zwischen Gemischtwarenhandel und ehrgeiziger Anderer Bibliothek dramatisch an Profil verloren. Auch wirtschaftlich schrieb das Haus in den letzten Jahren nur Verluste. Für das Jahr 2010 liegen noch keine Zahlen vor, aber am 5. Juli wird zur außerordentlichen Hauptversammlung geladen, weil, so verlangen es die Statuten, die Aktiengesellschaft die Hälfte ihres Stammkapitals verloren hat. Ein Schiff, das quasi führerlos im Ozean des Buchmarkts treibt, läuft indes jeden Tag mehr Gefahr zu sinken. Autoren, Buchhändler und Leser – alle sind verunsichert. Soll man dem Verlag überhaupt noch Manuskripte schicken? Kann man bei Eichborn noch Bücher bestellen? Mit anderen Worten: Gibt es den Verlag überhaupt noch? „Man wundert sich, dass bei Ihnen überhaupt noch jemand ans Telefon geht“ – solche Sätze hört man bei Eichborn dieser Tagen häufig.

          Das Fehlen einer verlegerischen Persönlichkeit

          Das Haus hatte mit dem Unternehmer Ludwig Fresenius bereits viele Jahre einen Mehrheitsaktionär, der den Verlag ins Portfolio genommen hatte, weil seine Frau, wie er oft erzählte, so gern lese. Er selbst habe dafür einen Weinberg, weil er gern Wein trinke. Mit der Übernahme von Fresenius’ Aktienpaket von fünfundsiebzig Prozent durch den Berliner Aufbau-Eigner Matthias Koch erhoffte sich Eichborn eine Rückkehr jenes verlegerischen Engagements, das in den vergangenen Jahren in der Kaiserstraße zu kurz kam. Er wisse, dass er keine Gelddruckmaschine gekauft habe, hatte Koch, Jahrgang 1943, bereits vor drei Jahren gesagt, als er Aufbau erwarb. Das sei aber auch nicht sein Ziel, denn: „Geld habe ich schon.“

          Jetzt fürchtet man in Frankfurt, dass Koch dasselbe Spiel spielt wie zuvor Fresenius, der die Eichborn-Aktien trotz einiger Interessenten nie veräußern wollte, aber eben auch nicht selbst in den Verlag investierte. Gewiss war Eichborns Gang an die Börse im Jahr 2000 ein Grundübel, das bis heute nachwirkt. Womöglich wurde die Krise noch verstärkt durch das Fehlen einer verlegerischen Persönlichkeit, die den Kaufleuten inhaltlich etwas entgegensetzt hätte. Es dürfte die letzte Runde sein, die jetzt im Ringen um Eichborn eingeläutet wurde. Sollten die Kontrahenten, zu denen die Verbündeten Aufbau und Eichborn offenbar geworden sind, sich nicht rasch einigen können, droht dem Verlag das Aus. Keine leichten Zeiten für unabhängige Verlage.

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