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Don Winslow über Mexikos Drogenkrieg : Vergiss, dass das alles wahr ist!

Tage der Toten - forensische Experten inspizieren einen Tatort des Drogenkriegs in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez Bild: AP

Der Amerikaner Don Winslow hat ein mörderisches Epos über den mexikanischen Drogenkrieg geschrieben. „Tage der Toten“ zeigt in beeindruckender Prosa, wie Weltgeschichte in Hinterzimmern oder Flughafenhangars nahe der Wüste gemacht wird.

          5 Min.

          Am Anfang ist eine blutige Pietà, und am Ende geht es zu wie in Voltaires „Candide“: „Sie hält ihr totes Baby in den Armen.“ - „Bestell deinen Garten und bewahre die Hoffnung auf einen Gott.“ Über dreißig Jahre erstreckt sich die Handlung von Don Winslows Roman „Tage der Toten“, dreißig Jahre im mexikanischen Drogenkrieg, wo die Kokainlieferungen in Tonnen gewogen und die Toten in Tausenden gezählt werden, wo die Intrigen der amerikanischen Geheimdienste einander durchkreuzen; Jahre, in denen der Vietnamkrieg zu Ende geht, die Iran-Contra-Affäre auffliegt und auf Reagan Bush Senior, Clinton und Bush Junior folgen; Jahre, in denen die Sandinisten an die Macht kommen und sie wieder verlieren, in denen salvadorianische Todesschwadrone wüten und Amerika seinen „Hinterhof“ um jeden Preis aufräumen will.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Tage der Toten“ ist ein grandioses, ein blutiges Epos, dessen Schauplätze scheinbar im Windschatten der Geschichte liegen, in Hinterzimmern, Motels oder mexikanischen Kneipen, auf Mohnfeldern, in der Wüste oder in Flughafenhangars; doch was hier geschieht, das hat mehr Einfluss auf den Verlauf der Geschichte als das, was oben auf der weltpolitischen Bühne inszeniert wird.

          Und kaum hat man den Roman gelesen, begegnen einem überall in den Medien verhaftete mexikanische Drogenbarone, die aus Winslows Roman entlaufen sein könnten: Edgar „La Barbie“ Valdez, der aus einer amerikanischen Mittelschichtfamilie stammt und ein Footballstar war; oder Sergio Villarreal, genannt „El Grande“, ein ehemaliger Polizist. Man erfährt von mehr als 25 000 Opfern in den letzten vier Jahren, von der Ohnmacht der Behörden und sieht die Fotos, die dazu passen.

          Schnittstellen zwischen Fiktion und Wirklichkeit

          Der Mann, der sich die Geschehnisse in seinem Roman weniger ausgedacht als eine düstere Realität in seiner Prosa verdichtet hat, sitzt entspannt im Konferenzzimmer seines deutschen Verlags in Berlin (Siehe auch: Don Winslow im Gespräch: „Der Glaube, dass die Welt weitergeht“). Die Schnittstellen zwischen Fiktion und Wirklichkeit lassen ihn lächeln, fast ein wenig resigniert. Resigniert, weil sich die mexikanische Regierung nun ihrer Erfolge rühmt, obwohl sie damit nur die Konkurrenz schürt zwischen den Fraktionen des Kartells und innerhalb der Fraktionen; weil all das nichts ändert am stabilen Verhältnis von mexikanischem Angebot und amerikanischer Nachfrage, weil der Drogenkrieg auch weiterhin nach Amerika exportiert wird; weil, wie Winslow das nennt, erneut „das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen“ regiert: „Man geht dazwischen, doch die Metastasen wuchern weiter.“

          Don Winslow, 56, hat einiges von der Welt gesehen, schon bevor er dieses Buch schrieb, er hat eine dieser Biographien, die Verlage so gerne im Klappentext drucken: Detektiv, Geldschmuggler in Südafrika, Verkäufer von Safaritouren in China. Für „The Power of the Dog“, wie der Roman im Original heißt, ist er viel gereist und hat recherchiert, fünfeinhalb Jahre lang, er hat mit Polizisten und Dealern geredet, Akten und Protokolle studiert. Aber allzu viel möchte er nicht sagen über seine Kontakte und Gewährsleute - ernsthaft bedroht worden sei er jedenfalls nicht. Und wenn man ihn fragt, wie es sich denn nun verhält mit dem Realitätsgehalt in seinem Buch, dann sagt er, praktisch nichts im Roman sei komplett erfunden, keine Grausamkeit sei ausgedacht, die Massaker nicht und auch nicht die Kinder, die von einer Brücke geworfen werden, nicht die Leichenteile, nicht der abgeschlagene Kopf, die per Post zugestellt werden.

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