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Don Winslow über Mexikos Drogenkrieg : Vergiss, dass das alles wahr ist!

Um Keller, den zeitweiligen „Herrn der Grenze“, herum entwirft Winslow ein großes, gewalttätiges Panorama, mit einer Vielzahl von Charakteren und Querverbindungen, welche auch die Mafia und irische Gangs aus New York ins Spiel bringen. Er habe sich nie träumen lassen, was da alles auftauchen würde bei seinen Nachforschungen, sagt Winslow, deshalb habe er auch so lange mit der Form gerungen. „Ich bin ein Entertainer, ich schreibe normalerweise überschaubare Thriller und Kriminalgeschichten, und hier hätte ich zweitausend Seiten schreiben können.“ Die Form, die er für „Tage der Toten“ schließlich gefunden hat, ist dem Fünfakter entlehnt: Fünf Kapitel einer Tragödie, mit einem Showdown wie im Kino, denn, sagt Winslow, irgendwann habe er sich ermahnen müssen: „Verlieb dich nicht in die Fakten, vergiss, dass das alles wahr ist, schreib einen Roman, der die Leser hineinzieht!“

Die Ermahnung hat geholfen. Und wenn der deutsche Buchumschlag mit seinen gräulichen, verwischten Palmen und Schildern auch an einen Film von Michael Mann denken lässt, so sperrt sich der Roman in seiner Totalität doch gegen das Medium des Kinos. Deshalb habe er die Filmrechte auch nicht verkauft, sagt Winslow, „ich möchte das Buch nicht zerstückelt sehen“. Aber, fährt er fort, „Sie werden lachen, ich habe das Buch mit Michael Mann durchgesprochen, er kennt sich in der Materie wahnsinnig gut aus“ - und ist natürlich viel zu klug, um es verfilmen zu wollen.

Wenn „Tage der Toten“ im Jahr 2004 mit seinem „Candide“-Finale ausklingt, geht die Geschichte weiter, hört nicht auf mit den jüngsten Verhaftungen. „Ich wundere mich immer, wenn es in den Zeitungen heißt, der Krieg in Afghanistan sei unser längster Krieg“, sagt Winslow, „aber das stimmt nicht, der sogenannte ,War on Drugs' ist es, er dauert seit 1973. Siebzehn Milliarden Dollar hat er gekostet, was hätte man damit alles Sinnvolles tun können!“ Es sei eine „amerikanische Mentalität“ anzunehmen, man könne irgendwo intervenieren, etwas in die Luft jagen und denken, das Problem sei damit gelöst.

Don Winslow klingt nicht allzu optimistisch

Wie löst man es denn dann? „Man muss an den Profit ran“, sagt Winslow ohne zu zögern, und dieser Weg führe unausweichlich zur Legalisierung von Drogen, zu Verhandlungen der mexikanischen Regierung mit dem mächtigsten Drogenkartell - was angesichts der Verflechtungen, der Duldung und Durchstechereien gar nicht abwegig wirkt. Anders komme man da nicht raus. Don Winslow klingt nicht allzu optimistisch dabei.

Und damit das Szenario einen nicht so deprimiert hinterlässt, wie sich der Autor nach Abschluss seines Manuskripts fühlte, reden wir dann schnell noch über seinen Doppelgänger, jenen Don Winslow, der sogenannte erotische Romane mit so schönen Titeln wie „Slave Girls of Rome“ schreibt. Manchmal sei das schon ein bisschen lästig, weil er immer wieder darauf angesprochen werde, sagt Winslow, aber der andere Winslow sei schon um die achtzig, eine Lösung dieses Problems also zumindest in Sicht; so dass er auch nicht auf das Angebot des anderen Dons eingehen müsse, ihm seinen Namen für einen hohen fünfstelligen Betrag zu verkaufen.

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