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Don Winslow über Mexikos Drogenkrieg : Vergiss, dass das alles wahr ist!

Und warum hat er dann überhaupt einen Roman geschrieben? „Journalisten können Fakten erzählen“, sagt Winslow und entschuldigt sich vorab schon für das Pathos, „aber Schriftsteller die Wahrheit, und zwar in dem Sinn, dass wir die Möglichkeit haben, ins Innere eines Charakters zu blicken, zu sagen, was er einem Journalisten gegenüber nie sagen würde, worin aber eine emotionale Wahrheit liegt.“ Und das gelte auch für die Drogenbarone, die Mafiosi, die korrupten Beamten. „Es geht darum, dass sie nicht einfach nur Monster sind, sondern lebendige Wesen, Familienväter, smarte Unternehmer. Diese Charaktere sind gleichsam aus dem Material aufgetaucht, sie haben sich herauskristallisiert.“

Hieronymus Bosch malt den Drogenkrieg

Don Winslows Roman hat kaum zufällig einen „Blurb“ von James Ellroy bekommen. Auch er bewegt sich auf einem Terrain, wo Geschichte und Geschichten ineinanderfließen wie Wasserfarbe auf einem Blatt Papier. Er erzählt jedoch nicht in diesem manchmal etwas ermüdenden Ellroy-Stakkato; er schlägt ein mitreißendes Tempo an, das einen durch die fast siebenhundert Seiten trägt, er hat eine knappe, pointierte Sprache mit schlanken, starken Dialogen. Aber er kann auch einen Satz lange nachhallen, ein Bild Sekundenbruchteile länger stehen lassen als üblich: „Der Mohn brennt. Rote Blüte, rote Flammen. Nur in der Hölle, denkt Keller, gibt es flammende Blüten. Er blickt in das brennende Tal wie in eine dampfende Suppenschüssel - was sich dort zwischen den Rauchschleiern abspielt, ist eine Höllenszene. Hieronymus Bosch malt den Drogenkrieg.“

Dieser Art Keller ist das Zentrum des Buches, ein Drogenfahnder der „Drug Enforcement Agency“, ein Agent in allen schillernden Varianten des Begriffs, weil er auch auf eigene Faust arbeitet, weil er, von seinem Wunsch nach Rache besessen, die Apparate von Geheimdiensten und Drogenmafia für seine Zwecke nutzt. Er ist Halblatino und Katholik, skrupellos und schuldbewusst zugleich. „Keller war für mich der Schlüssel“, sagt Winslow, „in gewisser Weise ist er wie Amerika.“ Er ist ein Getriebener, ein Zerrissener, der sieht, wie „das mexikanische Trampolin“ funktioniert: Kokain gelangt aus Kolumbien über Mexiko nach Amerika, die Mafia zahlt mit Waffen, die an die Contras gehen. Keller wird Zeuge, wie Kokain umgeladen wird, das es offiziell nicht gibt, wie die Aktion von einem Mann beaufsichtigt wird, der Craig heißt und unverkennbar nach Oliver North modelliert ist; Keller lügt vorm Untersuchungsausschuss des Senats im Gefolge der Iran-Contra-Affäre - „ein lächerlicher Nebenschauplatz“ angesichts der Entwicklung des Drogenhandels, der Diversifizierung des Geschäfts durch Geldwäsche und Finanzdienstleistungen.

„Ich bin ein Entertainer“

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