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Die Geschichte der Finanzkrise : Dummheit mit System

Wer Illusion und Blendung haben will, ist nicht falsch im „Venetian”-Hotel in Las Vegas - im Januar 2007 traf sich hier die Subprime-Branche Bild: ASSOCIATED PRESS

Ist es tatsächlich die Gier der Spekulanten, über die wir uns Sorgen machen müssen? Der amerikanische Autor Michael Lewis erzählt noch einmal die Geschichte der Finanzkrise - und lässt uns eher fassungslos als wütend zurück.

          Der Mann macht alles immer nur noch schlimmer. Schon einmal, vor zwanzig Jahren, hatte Michael Lewis versucht, mit der Wall Street abzurechnen. Er hatte, mit viel Glück und wenig Ahnung, Mitte der 1980er Jahre einen Job bei der Investmentbank Salomon Brothers bekommen, wo er viel Geld verdiente, indem er mit noch mehr Geld anderer Leute spekulierte. Nach drei Jahren stieg er aus. Er fürchtete, der Schwindel könnte irgendwann auffliegen; aber vor allem fürchtete er, der Schwindel könnte nie auffliegen: sein kleiner - und der große, den er nicht fassen konnte.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In seinem Buch „Liar's Poker“ hat Lewis 1989 die atemberaubenden Zustände an der Wall Street beschrieben, die Arroganz der Manager und ihre Ignoranz, die Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit, mit der ein paar gerade der Pubertät entwachsene Männer mit dem ökonomischen Schicksal des Landes Roulette spielten. Er wollte zeigen, „wie eine große Nation ihren finanziellen Verstand verloren hatte“. Das Buch wurde ein Bestseller, nicht nur, weil Lewis' Insider-Bericht das Publikum schockierte. Die neugierigsten Leserbriefe kamen von jungen Studenten, die fragten, ob Lewis ihnen noch ein paar weitere Geheimnisse verraten könnte. Sie hatten das Buch als Gebrauchsanweisung gelesen. Wenn Lewis irgendeine Art von Aufklärung beabsichtigt hatte, war ihre Dialektik verheerend.

          Finanzielle Massenvernichtungswaffen

          Dass Lewis jetzt erneut ein Buch über die Wall Street vorlegt, über die mysteriösen Geschäfte auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt, deren Folgen mittlerweile ja hinreichend bekannt sind, ist also gewissermaßen auch eine Drohung: Wäre ja möglich, dass auch die aktuellen Tricks der Derivate-Händler nicht nur besorgte Leser finden, sondern auch faszinierte Nachahmer. In „The Big Short“ erzählt Lewis die Geschichte der Subprime-Krise, indem er sich mit deren interessantesten Protagonisten beschäftigt, mit jenen Spekulanten, die ihre Kritik an der Immobilienblase auf ganz besonders lukrative Weise ausdrückten: indem sie auf deren Zusammenbruch wetteten.

          Die Vorstellung, dass auch deren Methoden Schule machen, ist nicht ganz abwegig. Da hilft es auch nichts, dass es auf dem Immobilienmarkt nicht mehr allzu viel kaputtzuspekulieren gibt: Vor allem der Einsatz von Kreditausfallversicherungen, jenen Derivaten, die Waren Buffet als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ beschrieben hat, erfreut sich derzeit größter Beliebtheit. Nur dass es eben keine privaten Häuser mehr sind, auf deren Schicksal damit gewettet wird, sondern staatliche Haushalte. So gesehen wird es höchste Zeit, dass Michael Lewis aufhört, Bücher zu schreiben.

          Es ist nur dummerweise gar nicht so einfach, die Gewinner von den Verlierern zu unterscheiden, die guten Banker von den bösen, oder die vernünftigen von den wahnsinnigen. In Lewis' Buch jedenfalls zerfällt jede moralische Gewissheit schon nach wenigen Seiten, schon alleine deshalb ist es so gut. Das liegt zum einen an seinen ungewöhnlichen Protagonisten, die das Klischee vom gierigen Spekulanten so gar nicht erfüllen; zum anderen liegt es aber, wenn man so will, an ihren Gegnern, an all jenen Akteuren des Finanzmarkts also, die auch nicht unbedingt ihr großes Herz dazu getrieben hat, die Schrottpapiere zu erfinden, von deren Untergang die Short-Seller am Ende profitierten. Das ist halt das Problem am Populismus, der sich aufs Ressentiment gegen das Spekulantentum verlässt: Die Motive der Verlierer sind meistens auch nicht unbedingt altruistisch. Die Gier der Banker ist in diesem Spiel eher eine Konstante und schon deshalb kein besonders aussagekräftiger Indikator.

          Gewinner oder Verlierer?

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