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Die Geschichte der Finanzkrise : Dummheit mit System

Im Blick auf die Dissidenten zeigt sich nämlich vor allem die gespenstische Banalität ihres Genies: Es bestand, zum Beispiel, darin, sich die Kreditwürdigkeit der Darlehensnehmer ein wenig genauer anzuschauen; es bestand in der Einsicht, dass sich ein mexikanischer Erdbeerpflücker mit einem Jahreseinkommen von 15.000 Dollar womöglich ein wenig schwertun könnte, die 750.000 Dollar zurückzuzahlen, die er sich für den Kauf einer Villa geliehen hatte; und es bestand darin, in einer auf Illusionen basierenden Welt auf das elementarste Gesetz der Physik zu vertrauen: Dinge fallen von oben nach unten.

Blind oder kriminell?

Im Prinzip hat Lewis einen Detektivroman geschrieben: Das macht sein Buch so spannend. Erstaunlich ist nur, wie lange die Täuschungsmanöver funktionierten, welche den Blick auf die Zusammenhänge verschleierten, die am Ende doch so offensichtlich sind. Die kriminelle Energie, die man benötigt, um toxische Kredite zu Wertpapieren zu bündeln, in Tranchen zu schneiden und anschließend mit dem Gütesiegel AAA zu verkaufen, wäre ja noch einigermaßen nachvollziehbar. Aber offensichtlich interessierten sich nicht einmal die Banken, die sie handelten, geschweige denn die Investoren, die sie kauften, dafür, womit sie es eigentlich zu tun hatten.

Irgendwann, als es längst üblich geworden war, mit Credit Default Swaps gegen den Hypothekenmarkt zu wetten, und langsam auch die Kurse für die Giftpapiere fielen, begannen auch Eisman und seine Partner an ihrem Verstand zu zweifeln. Denn immer noch fanden sie Investoren, die sich auf ihr Spiel einließen. Doch wenn sie wissen wollten, was das für Leute waren, die die andere Seite der Wette hielten, bekamen sie von ihrem Händler bei der Deutschen Bank die Antwort: „Düsseldorf. Dumme Deutsche. Die nehmen die Ratingagenturen ernst. Die glauben an die Regeln.“

Diejenigen, die die Risiken kannten, versteckten die giftigen Anteile ihrer Wertpapiere vor sich selbst, wie Alkoholiker auf Entzug. Die Kreativität, die sie dabei bewiesen, ist fast schon bewundernswert: Mit unverständlichen Akronymen wurden marode Kredite zu Geheimtipps umgedichtet, aus „subprime“ wurde „midprime“: „ein Triumph der Sprache über die Wahrheit“, nennt das Lewis. Der Markt glaubte seinen eigenen Lügen - oder zumindest daran, dass sie keine mehr sind, wenn nur genügend Leute an sie glauben. Die meisten aber hatten einfach keine Ahnung. Burry, der sich die Mühe machte, die Broschüren für die Schrottpapiere auch zu lesen, ist sich sicher, dass er damit ziemlich allein war: „Nur jemand mit Asperger-Syndrom kommt auf die Idee, Prospekte von Subprime-Pfandbriefen zu lesen.“

Im Januar 2007 traf sich die Subprime-Branche in Las Vegas. Kein Ort hätte besser zu dieser Konferenz gepasst als das synthetische Hotel „The Venetian“, eine gigantische Simulation, deren vorrangiger Zweck es ist, die Realität zu leugnen. Auch Eisman und seine Partner waren dort, vor allem, um sich persönlich von der kollektiven Verblendung der Branche zu überzeugen. Noch immer war ihr Verdacht nicht ganz ausgeräumt, es gäbe einen Haken an ihren Geschäften, den sie übersehen hatten. Doch als sie miterlebten, wie sich die sorglosen Manager weiterhin gegenseitig ihres Optimismus versicherten, hatten sie nur noch eine Frage: Sind diese Menschen einfach nur blind? Oder doch eher kriminell?

Als der Finanzmarkt in Stücke fiel, da fehlten den Beobachtern die Worte: Ein Wahnsinn, das war das Einzige, was ihnen dazu einfiel. Der Crash aber, er war nur ein kurzer Moment der Vernunft: Wahnsinn war alles, was davor passierte.

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