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Die Geschichte der Finanzkrise : Dummheit mit System

Es ist also nicht nur der Sympathie des Autors für seine Hauptfiguren zu verdanken, dass man ihnen als Leser gar keine besondere Verkommenheit attestieren möchte; es liegt vor allem an der irrsinnigen Eigenlogik des Finanzsystems, welcher man mit moralischen Kategorien gar nicht mehr zu Leibe rücken kann. Paradoxerweise waren nämlich ausgerechnet jene komplizierten Investmentkonstruktionen, die Derivate also, mit welchen Lewis' unverbesserliche Pessimisten gegen den Boom setzten, so ziemlich das, was in der Welt des synthetischen Phantasiekapitalismus noch am ehesten als gesunder Menschenverstand durchgehen kann. Verrückt war nur, daran auch tapfer festzuhalten. Zu jener Zeit nämlich, als Steve Eisman und Mike Burry, Charlie Ledley und Jamie Mai begannen, dem Hype um den Handel mit Subprime-Krediten zu misstrauen, interessierte sich niemand in der Investmentbranche für ihre düsteren Prognosen. Nicht einmal der Markt selbst: Zwar war es längst möglich, mit sogenannten Leerverkäufen gegen Aktien zu wetten, nicht aber gegen jene fragwürdigen Wertpapiere, zu welchen amerikanische Baufinanzierer wie Fannie Mae und Freddie Mac ihre Subprime-Kredite zusammengezimmert hatten.

Als Burry, ein relativ unbedeutender Hedge-Fonds-Manager aus Kalifornien, 2005 die großen Banken abtelefonierte, auf der Suche nach Verkäufern von sogenannten Credit Default Swaps (CDS) auf Subprime-Papiere, von Kreditausfallversicherungen auf jene „Securities“ also, von denen er sicher war, dass sie in spätestens zwei Jahren ihre Unsicherheit beweisen würden, wollten nur zwei Banken überhaupt mit ihm reden: Goldman Sachs und die Deutsche Bank. Die anderen scheuten nicht etwa das Risiko; sie hatten einfach keine Ahnung, was Burry überhaupt wollte. Gegen alles konnte man an der Wall Street wetten; nur nicht dagegen, dass mittellose Bauherren, welchen man einen Millionenkredit aufgeschwatzt hatte, jemals ihr Geld zurückzahlen können: So viel Realismus war einfach nicht vorgesehen.

Das aber ist erst der Anfang: Man kommt in „The Big Short“ aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus, und am Ende ist vor lauter struktureller Dummheit und gedankenloser Automatismen gar kein Platz mehr, um irgendwem persönlich menschliche Mängel wie Gier und Habsucht zu unterstellen. Und natürlich schadet es diesem Effekt nicht, dass es sich bei Lewis' sonderbaren Wettkönigen um sehr spezielle Persönlichkeiten handelt.

Die gespenstische Banalität ihres Genies

Am auffälligsten ist sicher Michael Burry, ein ehemaliger Neurologe mit Glasauge und Asperger-Syndrom und einem aus seiner Krankheit resultierenden Talent, Muster zu erkennen, die andere nicht sehen. Aber auch der Analyst Steve Eisman, dessen radikale Angewohnheit, anderen undiplomatisch seine Meinung ins Gesicht zu sagen, nicht unbedingt zu den Einstellungsmerkmalen für einen Investmentbanker gehört, geht gut als Dissident durch. Bei Charlie Ledley und Jamie Mai dagegen, den beiden etwas slackerhaften Partnern des „Garage Band Hedge Fonds“ Cornwall Capital, schien ein grundsätzlicher Defätismus schon die einzige Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere als Spekulant zu sein; sie hatten Probleme, überhaupt an den Vorzimmerdamen der Bankmanager vorbeizukommen, mit denen sie Geschäfte machen wollten.

Das Interessante an all den sturen Außenseitern, die uns Lewis vorstellt, ist die Perspektivverschiebung, zu der es kommt, wenn man die Welt durch ihre Augen sieht; sie sind das Kind, das schon immer den Kaiser ohne Kleider gesehen hat. Wenn Lewis nun davon erzählt, wie sie vergeblich auf dessen Nacktheit insistierten, ist das nicht einfach eine Parabel über die Macht der herrschenden Meinung. Es ist die wahnwitzige Immunität dieses sich selbst vorantreibenden Systems gegen jede Art von Vernunft, die dieses Buch so eindrucksvoll illustriert.

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