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Deutsch-israelische Kulturkrise : Tauziehen um Kafka und Brod

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Eine der kostbarsten Handschriften der Weltliteratur: Franz Kafkas „Der Process” Bild: dpa

Das Literaturarchiv in Marbach fürchtet um seinen exzellenten Ruf, die literaturwissenschaftliche Forschung will endlich das gesperrte Material sichten: Was ist so heiß am Nachlass von Max Brod, dass die deutsch-israelischen Beziehungen darunter leiden?

          „Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.“ Der Aphorismus aus Kafkas nachgelassenen Schriften passt zum Streit um den Nachlass Max Brods. Denn die ganze Angelegenheit ist nicht nur kafkaesk als ein opakes Gerichtsverfahren, sondern auch wielandesk: ein Prozess um des Esels Schatten, dessen Ergebnis sein könnte, den Esel zu zerreißen, also der Erschließung der Werke Kafkas und Brods nachhaltig zu schaden.

          Es geht um sehr wenig Franz Kafka, um deutlich mehr Max Brod und um Diskreditierungen bis hin zum Rufmord. Angestoßen wurde das Ganze von der israelischen Zeitung „Ha’aretz“ und weltweit kolportiert. Die Erbin Max Brods, Ilse Ester Hoffe, die vielleicht seine späte Geliebte war, vor allem aber seine enge Mitarbeiterin, wurde dabei zum geldgierigen Drachen stilisiert. Feuerspeiend habe sie niemanden an den Schatz gelassen. Was Unsinn ist, wie Paul Raabe, der ehemalige Leiter der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, im Gespräch mit dieser Zeitung sagt: „Ich wurde immer nett dort aufgenommen. Ich mache mir vielmehr selbst bis heute Vorwürfe, mich nicht weiter mit dem Werk Max Brods befasst zu haben.“ Noch 1964, zu Lebzeiten Brods, hat Raabe in Tel Aviv dessen frühe Papiere gesichtet und geordnet.

          Die Katzen der Eva Hoffe

          Die Kampagne zeigt Wirkung: Nachdem der Journalist Ofer Aderet einer der beiden Töchter der im September 2007 im Alter von hundertein Jahren gestorbenen Ester Hoffe, Eva, in „Ha’aretz“ einen Strick aus ihrer Tierliebe gedreht hat, indem er suggerierte, wertvolle Materialien Brods oder gar Kafkas lägen nicht, wie lange bekannt, in Bankschließfächern, sondern vergammelten in einer von Katzen verdreckten Wohnung, wurde diese jetzt offiziell inspiziert. Glücklicherweise hat Eva Hoffe darob nicht, wie angekündigt, Selbstmord begangen. Der Kafka-Experte Hans-Gerd Koch, der die Hoffes gut kennt, hält die Vorwürfe für aus der Luft gegriffen. Immer wieder, seufzt er, würden Handschriften-Erben als Banausen diskreditiert.

          Inzwischen scheinen sogar die Kulturbeziehungen zwischen Deutschland und Israel gefährdet. Der Direktor der Israelischen Nationalbibliothek, Schmuel Har Noy, verstieg sich vor drei Monaten zu der Forderung, das Literaturarchiv Marbach solle das 1988 ganz legal für knapp zwei Millionen Euro bei Sotheby’s ersteigerte Kafka-Manuskript des „Prozess“ an Israel herausgeben. Dabei war Har Noy möglicherweise nicht bewusst, dass die Bundesrepublik der Käufer des Autographs war, das lediglich als Depositum des Bundes nach Marbach gelangte. Hätte Deutschland Israel also um Kulturgut gebracht? Und muss das Deutsche Literaturarchiv nun vor Israel einknicken?

          „Mitnichten“, sagt dessen Leiter Ulrich Raulff: „Das ist keine Sache eines Kompromisses. Die Israelis müssen vom Streitross heruntersteigen: Wir sind nie aufgestiegen.“ Auch wenn er natürlich Freunde hinter den Kulissen eingeschaltet hat, sorgt sich Raulff um das Ansehen seiner Institution: „Da können noch so viele Dementis kommen. Etwas bleibt immer hängen. Der Rufschaden ist so gut wie da.“ Auch für geplante Gemeinschaftsprojekte wie die Erschließung aufgeteilter Emigrantennachlässen sei dies alles „ein Schlag ins Kontor“.

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