https://www.faz.net/-gqz-xp9s

Deutsch-israelische Kulturkrise : Tauziehen um Kafka und Brod

  • -Aktualisiert am

Raulff ist da anderer Meinung: „Ich habe diese ganze Kafka-Geschichte, vor allem, als es mit dem ,Prozess‘-Manuskript losging, immer als sehr bedrohlich empfunden. Aber zugleich hatte ich den Eindruck, dass es sich hierbei um ein Ablenkungsmanöver handelt.“ Ihm scheint es, Marbach solle diskreditiert werden als legitimer Mitbewerber um das, worum es eigentlich geht: den Brod-Nachlass. „Irgendetwas an diesem Material muss heiß sein.“ Eine der Verdachtslinien führt über das auffallend starke Interesse von „Ha’aretz“ und ihrem Reporter Ofer Aderet. Die Zeitung gehört Amos Schocken, dem Enkel des Kafka-Verlegers Salman Schocken. Es stimmt nicht, dass Amos Schocken selbst Ansprüche angemeldet habe, wie etwa im „Spiegel“ zu lesen war. Allerdings hält es Raulff für vorstellbar, „dass in Brods Tagebüchern einiges zu den Versuchen Salman Schockens steht, sich in den Besitz der Kafka-Papiere zu bringen“. Schocken hatte das Kafka-Archiv inklusive der Brod-Stücke im September 1956 in die Schweiz gebracht, ohne Brod zu informieren. Ein wütender Streit folgte, Schocken verweigerte die Herausgabe. Vielleicht gebe es auch noch andere Geschichten. Dann aber müsste man unterstellen, beim Verbleib des Materials in Israel bestünde die Möglichkeit, diese vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Marbach ist der ideale Ort

Vielleicht vermutet der israelische Staat tatsächlich nationalkulturelle Schätze im Brod-Nachlass. Zuletzt wurde jedenfalls die Inspektion der Schließfächer beschlossen. Nachlassverwalter Schmulik Cassuto hat inzwischen festgestellt, dass die Fächer lange vor Ester Hoffes Tod zuletzt geöffnet wurden. Meldungen über Verkäufe in den vergangenen Jahren sind damit hinfällig. Gegen die Inventarisierung des Materials sperren sich nicht allein die Erbinnen, die nicht wissen, ob sich allzu Privates über die Familie darunter befindet, sondern auch die Marbacher, die konservatorische Bedenken haben und befürchten, die Papiere würden vor den Verkaufsverhandlungen kopiert. Kaufen würde man wohl trotzdem, so der Leiter der Handschriften-Abteilung, Ulrich von Bülow, aber das Material habe dann nicht mehr denselben Wert. Dennoch sollen die Fächer in einer Woche geöffnet werden.

Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass den Verwerfungen schlicht ein antideutscher Affekt zugrunde liegt: Der Jude Max Brod ist 1939 in letzter Sekunde nach Palästina geflohen, und dort will man ihn auch behalten. Sicher aber ist auch: Der ideale Ort für seinen Nachlass ist das Marbacher Archiv, nicht nur, weil es konservierungstechnisch überlegen ist, sondern auch, weil er sich hier in eine breite Sammlung zur deutschsprachigen Prager Literatur zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einfügte.

So gut wie alle Kafka-Forscher haben sich inzwischen für Marbach ausgesprochen. Natürlich werden in diesem Fall, wie gefordert, Kopien der Papiere an Israel gehen, das Brod ja gerade erst zu entdecken scheint. Vielleicht stolpern die Archive ja doch noch einer passablen Zusammenarbeit entgegen. Am 25. April, dem nächsten Prozesstermin, könnte sich das Verfahren in Tel Aviv endlich auflösen – und schon bald darauf die Forschung beginnen.

Das Literaturarchiv Marbach fürchtet einen Rufschaden, die Forschung will an das gesperrte Material:
Was ist so heiß an Max Brods Nachlass, dass die deutsch-israelischen Kulturbeziehungen
darunter leiden?

Weitere Themen

Die Festspiele nach Wedels Abschied

Bad Hersfeld : Die Festspiele nach Wedels Abschied

Die Sex-Affäre des ehemaligen Intendanten Dieter Wedel ist in Bad Hersfeld kein Thema mehr. Die Festival-Stadt setzt ihre Hoffnungen auf den Nachfolger Joern Hinkel. Der hat große Ambitionen.

Topmeldungen

Des einen Freud’: Der Bund gibt viel Geld für Pensionen aus.

Beamte im Ruhestand : Die Pensionslasten steigen um 70 Milliarden Euro

Den Bund kommen die Gehälter und Beihilfen für seine Beamten im Ruhestand immer teurer zu stehen. Inzwischen rechnet er mit einem Betrag von deutlich mehr als 700 Milliarden Euro. Darunter leiden vor allem die Länder.
FDP-Chef Christian Lindner im ARD-Interview

TV-Kritik: Sommerinterviews : Nur posieren reicht nicht

Christian Lindner und Robert Habeck treten in ARD und ZDF gegeneinander an – ohne dabei den jeweils anderen zu erwähnen. Während der FDP-Chef auf eine desinteressierte Fragestellerin trifft, geriert sich der Grünen-Vorsitzende als Schlitzohr.
Gratulation vom Präsidenten: Emmanuel Macron (links) mit Julian Alaphilippe.

Hochspannung beim Radsport : Frankreich dreht bei der Tour am Rad

Was ist nur los bei dieser Tour de France? Alles, was sicher schien, ist ins Wanken geraten. Frankreich hat einen Mann im Gelben Trikot – und einen, der das wichtigste Radsport-Rennen der Welt gewinnen kann.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.