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Deutsch-israelische Kulturkrise : Tauziehen um Kafka und Brod

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Was steht im Testament?

Wie konnte das passieren? Vor über einem Jahr wollten sich die beiden betagten Töchter Ester Hoffes von einem Familiengericht in Tel Aviv formal die Erbschaft ihrer Mutter bestätigen lassen – und sahen sich plötzlich den Anwälten der Israelischen Nationalbibliothek und des Staates Israel gegenüber, die „nationales Kulturgut“ in Gefahr wähnten, da die beiden Schwestern sich mit Marbach über den Verkauf des Nachlasses verständigt hatten. Seither wird ihnen das Erbe vorenthalten. Obwohl sich Israel jahrzehntelang nicht für den Brod-Nachlass interessierte oder gar Kaufinteresse gezeigt hätte, beruft man sich nun auf einen Passus in Brods Testament, das dieser Zeitung vorliegt, wonach die Manuskripte, Briefe und Papiere „der Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem oder der Staatlichen Bibliothek Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im Inland oder Ausland zur Aufbewahrung übergeben werden sollen“. Brods Erbin, so das Argument, habe also die Bestimmungen nicht erfüllt. Allerdings steht in Brods Testament auch, dass Ester Hoffe „anderweitig“ über alle Papiere verfügen durfte, zumal also die Überführung in ein Archiv an ihre Töchter delegieren konnte: Als möglicher Aufbewahrungsort ist in ihrem Testament neben den Universitätsbibliotheken Jerusalems und Tel Avivs auch das „Schiller-Museum Marbach“ namentlich genannt.

Marbach sei stets der bevorzugte Ort für Brods Nachlass gewesen, sagt Koch: Ihm gegenüber hätten dies sowohl Ester Hoffe als auch – nach zwischenzeitlichen Bedenken – ihre zwei Töchter mehrfach zum Ausdruck gebracht. Dass das Verhältnis entgegen manchen Berichten ein gutes war, zeigt auch, dass das Archiv einmal auf eigene Kosten einen Band mit Gedichten Eva Hoffes drucken ließ.

Dass die Weltöffentlichkeit an diesem Prozess Anteil nimmt, liegt wohl einzig daran, dass Brod im Besitz einiger Kafka-Autographen war, die ihm der Freund überlassen hatte. Brod hatte diese noch zu Lebzeiten Ester Hoffe geschenkt: Nicht nur die Schenkungsurkunde ist vorhanden, auch drei Bestätigungen derselben durch Brod (vom 12. März 1947, 22. April 1947 und 2. April 1952). Dass es sich hierbei um Ester Hoffes Eigentum handelte, erkannte 1974 sogar ein israelisches Gericht an. Sie verkaufte daraufhin – ihr gutes Recht – die wertvollsten Stücke aus dem Kafka-Konvolut, darunter das besagte „Prozess“-Manuskript.

Alles wird neu geprüft

Die wenigen übrigen Kafka-Materialien aus Brods Besitz, die seit 1956 in einem Banksafe in Zürich liegen – trotzdem war von Schmuggel außer Landes zu lesen –, hat Ester Hoffe zu Lebzeiten ihren Töchtern geschenkt: Auch dies ist beurkundet, das Original befindet sich aber wohl in einem der Tel Aviver Tresore mit dem Brod-Nachlass, zu welchen den Hoffes derzeit der Zugang verwehrt wird. Obwohl also die Eigentumsverhältnisse im Fall des Kafka-Materials eindeutig scheinen, ziehen die Anwälte der Gegenseite sie immer wieder in Zweifel. So wurde nun beschlossen, ein Experte solle die Schenkungsurkunde Brods auf ihre Echtheit überprüfen, wenngleich dies im Jahre 1974 schon einmal geschehen ist. Befände man sie für gültig, so heißt es immerhin, würden die meisten der bisherigen rechtlichen Einwände zurückgezogen. Koch rechnet damit, dass das Interesse Israels schnell erlösche, wenn einmal klar sei, dass man des restlichen Kafka-Konvoluts nicht habhaft werden könne.

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