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Der Übervater der Reformpädagogik : Päderastie aus dem Geist Stefan Georges?

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Ja, ich hatte zunächst ja niemanden, mit dem ich über meine Probleme reden konnte - zum Beispiel über den ungeheuren Druck, endlich selber einmal einen jungen Freund heranzuziehen. Dazu fehlte mir, sagen wir mal, die Begabung. Dann hatte ich aber das große Glück, im Freundeskreis einen älteren Leidensgefährten zu finden, der dreißig Jahre vor mir einen ähnlichen Prozess durchgemacht hatte und der mir immer mehr Einblicke in die tatsächlichen Verhältnisse gab. Allerdings gibt es sowohl im George-Kreis als auch bei „Castrum Peregrini“ viele, die mit dem Aussteigen nicht zu Rande gekommen sind.

Über die wird interessanterweise nicht geschrieben. Das wäre doch eigentlich auch mal wichtig.

Auf jeden Fall: die Verschollenen und Gescheiterten. Die Materialsuche wäre aber nicht leicht, weil Opfer in der Regel schweigen.

Verkehrte in Amsterdam auch Hellmut Becker, der 1937 in die NSDAP eingetreten war, beim Carl-Schmitt-Schüler Ernst Rudolf Huber Assistent war und Anfang der sechziger Jahre Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Mitglied des Deutschen Bildungsrates und der Denker der deutschen Bildungsreformen wurde?

Ich habe ihn nicht erlebt in meiner Zeit. Es gab Beziehungen Frommels zu Hellmut Becker, aber sie waren eher distanziert. Das hing vielleicht mit einer gewissen Rivalität zusammen, damit, dass Frommel nach dem Krieg selber versucht hatte, in Deutschland eine Reformschule zu gründen. Sehr viel intensiver waren Frommels Beziehungen zu Beckers Vater gewesen, mit dem er Anfang der dreißiger Jahre gut befreundet war. Als preußischer Kultusminister hat sich C. H. Becker damals sehr für die Ideale des George-Kreises interessiert und auch manches bewirkt, zum Beispiel bei der Besetzung von Lehrstühlen.

Hellmut Becker war ein begeisterter George-Leser und forderte die Wiederaufnahme von George-Gedichten in den Kanon der Schulen. Dabei müsse, so schrieb er 1985 in einem Beitrag für „Castrum Peregrini“, „die hermetische Form von Georges Dichtung durch eine gewisse Einführung, die auch ruhig ein Stück Verführung sein dürfe, aufgelöst werden“.

Das Wort „Verführung“ steht da im Text?

Ja. Wie verstehen Sie das?

Ich verstehe darunter die Suggestivwirkung, dass die Gedichte nicht nur rezipiert und interpretiert, sondern in einer bestimmten, nämlich in der Georgeschen Weise gelesen werden sollen, so wie Psalme. Lehrmeister bei dieser Übung ist der ältere Freund, der über ein Wissen verfügt, das der Jüngere, der in diese Dichtung eingeführt wird, noch nicht besitzt. Die beiden sitzen da nebeneinander auf dem Sofa und lesen diese Gedichte und lesen sie noch mal, um sie besser zu verstehen. Die Wirkung ist dann die, dass in dem Jüngeren plötzlich der Gedanke aufschießt, das „Du“ und das „Ich“ im Gedicht, das könnten jetzt eigentlich wir beide sein. Das ist mit Verführung gemeint.

Stimmen Sie mit der These von Ulrich Raulff überein und würden eine historische Linie vom George-Kreis bis zur Reformschulpädagogik der Bundesrepublik ziehen?

Der geistige Vater der Reformpädagogik, der Landschulheime, heißt Gustav Wyneken. Der hat den Anschluss an George gesucht, hat sich immer und überall zu George bekannt und in seinem 1906 veröffentlichten Programm der Freien Schulgemeinde - die erste gab es in Wickersdorf in Thüringen - George mehr oder weniger wörtlich zitiert. George hat sich sehr dagegen gewehrt und hat 1930 durch seinen Biographen Friedrich Wolters ausrichten lassen, was er von den Leuten hält: nämlich, dass sie den Jungs an die Wäsche gehen.

Was? Ausgerechnet George?

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