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David Grossman kritisiert Israel : Neinsagen ist keine Politik

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Es ist durchaus keine unrealistische Annahme, dass der wirkungsvollste Weg, Macht und Einfluss der Hamas im Gaza-Streifen zu verringern und sie schrittweise wieder auf ihr natürliches Maß zurückzuführen, darin besteht, friedliche Bedingungen und Wohlstand bei den Palästinensern der Westbank zu schaffen und dort den Prozess des Nation-Building voranzubringen. Selbst wenn manche Einwohner des Gaza-Streifens, die Hamas unterstützen, mit einer gewissen Hoffnung in die Zukunft blicken, werden Fundamentalismus und religiöser oder nationalistischer Fanatismus ganz von selbst an Anziehungskraft verlieren. Wir können noch weiter gehen und eine Situation skizzieren, in der selbst die Rückkehr aller Hamas-Gefangenen nach Gaza nicht sogleich und unvermeidlich dazu führte, dass sie alle sich wieder am Terror beteiligten. Und es besteht sogar eine Chance, dass in der neuen, noch zu schaffenden Situation Terror und Gewalt nicht mehr als einziger Ausweg erscheinen.

Bewegen wir uns endlich wieder!

All das sind Gedanken, die man annehmen oder ablehnen mag oder vor denen man auch die Augen verschließen kann. Doch mehr als auf die Vorschläge als solche möchte ich die Aufmerksamkeit auf die dahinterstehenden Motive lenken, auf das Gefühl nämlich, dass Israel seit mehreren Jahren in einer Lähmung gefangen ist, die dem Land zunehmend den Schwung nimmt, so dass schließlich jeder, der Augen im Kopf hat, die Apathie und Hilflosigkeit und selbst das Dahinschwinden eines gesunden Selbsterhaltungstriebs zur Kenntnis nehmen muss. Das ist die eigentliche Gefahr für Israel, und sie ist weitaus zerstörerischer als alle von der Hamas ausgehenden Gefahren.

Israels Premierminister hätte schon längst das verknöcherte Mosaik des Konflikts in seine Hände nehmen müssen, um aus diesen vertrauten Bruchstücken, so deprimierend sie sein mögen, ein neues Bild zu schaffen. Schließlich ist genau das die Aufgabe eines politischen Führers. Es ist schwer verständlich, warum Israel als stärkstes Land der Region nicht den Versuch unternimmt, sein Schicksal wieder in die eigene Hand zu nehmen und Prozesse zu initiieren, statt seine Zukunft immer wieder anderen zu überlassen. Warum besteht man seit Jahrzehnten darauf, über Details zu verhandeln, die zwar wichtig, aber nicht entscheidend sind, statt dass man versuchte, im Großen einen fundamentalen Wandel herbeizuführen?

Die Sturheit hat ihren Preis

Der traditionelle Hang israelischer Führer, nach Gründen und Entschuldigungen für Tatenlosigkeit zu suchen, und ihr Unvermögen, zwischen realen und eingebildeten Problemen, realen und eingebildeten Gefahren zu unterscheiden, veranlassen Israel, ein absolutes und grundsätzliches Nein zur Realität und zu den kleinsten Chancen zu sagen, die sich gelegentlich ergeben. Diese störrische Ablehnung – wie soll ich es sagen? – liegt schon jetzt jenseits unserer Möglichkeiten. Wir können sie uns nicht leisten, wenn wir überleben wollen. Was soll denn noch geschehen, damit wir aufwachen und die Blockade aufgeben, die wir seit so vielen Jahren über uns selbst verhängt haben?

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