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Das vergessene Konzentrationslager Christianstadt : Tarnname Ulme

  • -Aktualisiert am

Für die Geisterbauten der einstigen NS-Munitionsfabrik interessiert sich niemand mehr Bild: Jan Faktor

In Christianstadt stand die größte Munitionsfabrik des NS-Regimes. Hier wurden Jan Faktors Großmutter, Mutter und Tante als Sklavinnen gehalten. Der Autor erzählt von seine Reise zu dem vergessenen Konzentrationslager.

          Im Grunde habe ich mich auf die Reise nach Christianstadt seit meiner Kindheit vorbereitet - habe sie allerdings auch in den Jahren, als sie ohne weiteres möglich gewesen wäre, nicht ernsthaft geplant.

          Über Christianstadt wurde bei uns zu Hause in Prag viel erzählt. Ich wusste, dass es ein Konzentrationslager war, allerdings wesentlich erträglicher als Auschwitz. Mir wurden schöne grüne Holzbaracken beschrieben, die im Wald standen - und nicht nur der Wald duftete, die Baracken dufteten auch, weil sie neu waren. In Auschwitz stank es dagegen fürchterlich, und es wuchs dort kein einziger Grashalm. In Theresienstadt wurde ab und zu noch gelacht, in Christianstadt wurde es manchmal auch wieder möglich. Zum Beispiel bei der Vergabe von gespendeten Kleidern - zur Auswahl gab es auch rosafarbene Rüschenkleider und abgetragene Trachten, die den abgemagerten Frauen nicht ganz passen wollten. Meine Mutter brüllte vor Lachen, wenn sie von diesen absurden Kostümanproben am Stacheldrahtzaun erzählte. In mir formte sich die Vorstellung eines etwas rauhen Ferienlagers.

          Meine Mutter besaß damals keine Schuhe und lief auch im Winter lange Zeit barfuß. Nach dem Sprung aus dem zweiten Stock einer Theresienstädter Kaserne passten ihr sowieso keine Schuhe. Sie muss damals wie eine kleine Hexe ausgesehen haben - in einem hellen Sommerkleidchen und mit der bis nach Christianstadt geretteten, inzwischen strahlend roten Haarmähne. Alle Frauen, die etwas helleres Kopfhaar hatten und in der sogenannten „Bleischicht“ arbeiten mussten, bekamen von den eingeatmeten Giften vorübergehend fast orangefarbenes Haar. Außerdem waren in der Fabrik epileptische Anfälle an der Tagesordnung - mit Schaum vor dem Mund und anschließender Amnesie. Auch der Hunger muss unerträglich gewesen sein. Ich sah bei der Nennung des Namens trotzdem auch eine lebendige Stadt vor mir - eben Christianstadt.

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          Wir bogen nicht ab

          Christianstadt lag für mich irgendwo versunken hinter der Grenze, und obwohl Polen kein Feindesland war, hatte niemand aus meiner Umgebung die geringste Lust hinzufahren. In unserem kiloschweren „Stielers Hand-Atlas“ von 1907 lag die unauffällige Stadt mitten im großen Deutschen Reich, auf moderneren Karten war sie dagegen unauffindbar. Die Reise wurde für mich erst dann absolut zwingend, als ich anfing, meinen „Georg“-Roman zu schreiben und über ein mögliches Christianstadt-Kapitel zu phantasieren.

          Anders als im Buch kam es in der Realität für mich nie in Frage, eine derart schwierige Reise jemandem wie meiner Mutter zuzumuten. Nur 1997 waren wir beide einmal ganz nah dran, wenigstens das Dorf zu suchen, in dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter und Schwester vom Todesmarsch geflüchtet war. Auf der Autobahn zwischen Dresden und Berlin war ich spontan auf die Idee gekommen, in Richtung Hoyerswerda abzufahren - dort in der Nähe sollte der Familienlegende nach der kleine Ort Klein Särchen zu finden sein. Weil wir aber in Berlin erwartet wurden - mein Sohn war gerade aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt -, bogen wir zum Glück nicht ab. Beim Abendbrot war noch alles in Ordnung, wir erzählten und lachten viel. Leider wurde meiner Mutter etwas später übel. Einen Notarzt wollte sie „wegen ihrer Galle“ nicht belästigen, wir durften nirgendwo anrufen. Nachdem sie mich gegen fünf Uhr früh geweckt hatte, war es schon zu spät. Ich habe sie gestreichelt und ihr lange zugeredet. Als der Arzt kam, war sie schon eine Weile tot. In der uns bleibenden Zeit habe ich mir noch ihre eintätowierte Auschwitz-Nummer aufgeschrieben.

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