https://www.faz.net/-gqz-145np

Das Suhrkamp-Archiv geht : Ein Abschied auf Raten

  • -Aktualisiert am

Entwurf für ein Telegramm nach der Gedenkfeier für Peter Suhrkamp am 27. Septzember 1959 Bild: Suhrkamp

Frankfurt verliert wieder ein Stück Suhrkamp: Der Verlag gibt seine Archive an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Noch dieses Jahr sollen die Manuskripte und Korrespondenzen berühmter Autoren umziehen. Der Verkaufspreis ist dem Vernehmen nach eine hohe einstellige Millionensumme.

          Zwei Monate vor dem geplanten Neustart in Berlin und schon auf halb gepackten Umzugskisten sitzend hat die Frankfurter Lindenstraße sich endlich erklärt: Die Archive der Verlage Suhrkamp und Insel gehen an das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Diese Entscheidung ist für Frankfurt eine herbe Enttäuschung. Denn damit verliert die Goethe-Universität, die sich mit Unterstützung von Stadt und Land vehement für den Verbleib der Bestände eingesetzt hatte, sowohl das ihr seit 2002 als Dauerleihgabe anvertraute Peter-Suhrkamp-Archiv wie auch das Uwe Johnson-Archiv, um das sich die Hochschule bereits seit 1984 kümmert.

          Der jetzt unterzeichnete Vorvertrag zwischen Suhrkamp und Marbach sieht vor, dass die Bestände bereits in den nächsten Wochen in die Obhut des Archivs übergehen, wo die bestmögliche Unterbringung und Erhaltung des noch weitgehend ungehobenen Schatzes gewährleistet sind. Das gilt vor allem für die legendären Lager im Keller des Verlagsgebäudes in der Lindenstraße, wo Unwägbarkeiten wie ein Wasserrohrbruch jederzeit größten Schaden anrichten könnten. Der Umzug jenes nicht unerheblichen Teils des Suhrkamp-Archivs, das der Verlegerpersönlichkeit Peter Suhrkamps gilt und die Zeit von 1950 bis 1959 umfasst, eilt weniger, da dieser sich an der Universität in guten Händen befindet.

          Erneutes Votum gegen Frankfurt

          Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart; er dürfte im höheren einstelligen Millionenbereich liegen. Wie in solchen Fällen üblich, wird die Summe in Raten über drei Jahre hinweg bezahlt; sukzessive gehen so die Archive in das Eigentum Marbachs über. Dort ist die Freude über den Coup groß. „Ein solcher Glücksfall widerfährt einem Archiv einmal im Jahrhundert“, sagt Ulrich Raulff, Direktor des Archivs, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Marbach hat das vor fünfzig Jahren mit Cotta erlebt, jetzt wiederholt es sich mit Suhrkamp. Nie standen die Sterne höher und heller über unserem Haus.“

          Peter Suhrkamps Interzonen-Reisegenehmigung für das besetzte Deutschland

          Dass Marbach als zentraler Ort deutscher literarischer Gedächtnispflege den Archiven, deren Umfang in Regalmetern gut einen Kilometer betragen soll, ein ideales neues Zuhause bieten kann, steht außer Frage. Insbesondere mit dem Archiv des Insel Verlags ergeben sich so vielfältige wie enge Berührungspunkte, da Marbach auch die Sammlung Kippenberger beherbergt. Darin befinden sich neben der Verlagsproduktion von 1889 bis 1943 Werkmanuskripte und Briefwechsel etwa von Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Ricarda Huch und Harry Graf Kessler. Hinzu kommen nun Autorenkorrespondenzen von Max Brod, Paul Celan, Hermann Hesse, Marie Luise Kaschnitz und Dolf Sternberger. Gerade einige dieser reichhaltigen Briefwechsel dürften das Interesse der Forschung auf sich ziehen.

          Der Zuschlag für Marbach lässt sich auch als erneutes Votum Suhrkamps gegen Frankfurt lesen. Seit der Verkündung des Umzugsbeschlusses Anfang Februar hat die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz wenig Zweifel daran gelassen, dass sie die Zukunft ihres Verlags nicht in Frankfurt sieht, auch wenn dem Unternehmen hier großzügigste Bleibeangebote unterbreitet wurden. Dass sie angesichts dieser Gemengelage ausgerechnet die Archive und damit die Deutungshoheit über das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes Siegfried Unseld Frankfurt überlassen würde, schien höchst unwahrscheinlich. Insofern herrschte früh der Eindruck, dass die Frankfurter bei diesem Bietgefecht, unabhängig vom hohen finanziellen und ideelen Einsatz, auf verlorenem Posten spielten. Dass die Universität trotzdem nichts unversucht ließ, um den Verlag von einer Frankfurter Lösung zu überzeugen, beweist, dass man am Main aus früheren Versäumnissen gelernt hat. Anders als Marbach wäre Frankfurt auch für eine Teilung der Bestände offen gewesen, wie man hier überhaupt ein grundsätzlich gemeinsames Vorgehen mit Marbach befürwortet hätte. Dadurch hätte wäre dem unseligen Preistreiben, bei dem zwei Institutionen, die mit öffentlichen Geldern agieren, gegeneinander ausgespielt werden konnten, möglicherweise der Stachel genommen worden.

          Habermas dürfte nicht glücklich sein

          Zwischen die Goethe-Universität Frankfurt und das Marbacher Archiv aber ist durch die jetzige Entscheidung offenbar kein Keil getrieben worden; in einer gemeinsamen Presseerklärung heißt es, die Universität und das Literaturarchiv würden bei der Erschließung und Erforschung der Bestände kooperieren; außerdem sichert Marbach Frankfurt eine privilegierte Position bei der Erforschung zu. In der noch zu gründenden Arbeitsgemeinschaft Suhrkamp-Insel-Archive, in der die Erforschung und Vermittlung durch wissenschaftliche Kolloquien, Ausstellungen und Publikationen koordiniert werden soll, dürfte dann vor allem Wolfgang Schopf eine zentrale Rolle spielen. Der Germanist, der die Bestände seit mittlerweile neun Jahren buchstäblich Seite für Seite entdeckt, hat die papiernen Bestände in Hauslesungen und Seminaren zusammen mit seinen Kollegen regelrecht zu Leben erweckt. Der einzigartige geistesgeschichtliche und literaturwissenschaftliche Rang der Sammlung ist ihm bewusst: „Hier an der Goethe Universität wurden Maßstäbe gesetzt, die beispielhaft sind für das, was ein Einzelarchiv leisten kann.“

          Frankfurt hat sich also, nicht nur, was die im Rahmen der 2002 überlassenen Dauerleihgabe angeht, nichts vorzuwerfen, im Gegenteil. Es wäre fatal, wenn die engagierte Zusammenarbeit, mit der sich Universität, Stadt und Land um die Archive bemüht haben, mit der Enttäuschung über den ungünstigen Ausgang dieser Bewerbung, wieder auf Eis gelegt würde. Universitätspräsident Werner Müller-Esterl äußert sich im Gespräch bei allem Bedauern über die Entscheidung denn auch positiv über die „substantielle Unterstützung“, die man erfahren habe. „Wir haben alles getan, was wir tun konnten.“ Auch finanziell sei man bis an die äußerste Grenze gegangen. Dafür habe man nun in Marbach einen „fairen und rationalen Partner“.

          Marbach ist gegenüber Frankfurt eindeutig im Vorteil, was die personellen und infrastrukturellen Kapazitäten zur raschen Erschließung der Bestände angeht. Maßgeblich dürften für den Verlag, dem Siegfried Unseld einst den Leitspruch „Hier werden keine Bücher, sondern Autoren publiziert“ gab, auch der Wunsch seiner Autoren gewesen sein. Neben Suhrkamp-Leuchttürmen wie Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein, Wolfgang Frühwald und George Steiner, die in der Pressemitteilung begeistert zitiert werden, dürfte auch andere wichtige Suhrkamp-Autoren, von Sibylle Lewitscharoff bis zu Uwe Tellkamp, dem Archivumzug nach Marbach unterstützt haben – hier sind schließlich fast alle deutschen Schriftsteller vertreten, deren Nachlässe von eigenen Archiven betreut werden. Selbst Martin Walser, der seit dem Bruch mit seinem einstigen Verlag nicht eben im Ruf steht, Suhrkamps Politik zu loben, sagt zu der Entscheidung nur: „Absolut richtig.“ Jürgen Habermas indes, der seinen Vorlass jüngst an die Goethe-Universität gegeben hat, dürfte nicht glücklich sein über die Abspaltung seiner Arbeiten von ihrer geistigen Umgebung.

          Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

          Die Frankfurter, die den Archiven in dem der Universitätsbibliothek angegliederten Archivzentrum von 2014 an eine mit Marbach vergleichbare Fläche und eine personell verstärkte Betreuung gewidmet hätten, setzen in ihrer Bewerbung besonders auf die aktive Vermittlung, die an einer Hochschule in anderem Maße möglich ist als an einer museal ausgerichteten Forschungseinrichtung. Insofern liegt der Hauptunterschied zwischen den beiden Konzepten weniger bei der Erschließung denn der geistigen Präsentation. Während in Marbach künftig nicht allein der Forschungs-, sondern auch der Schauwert der Sammlung zur Geltung gebracht werden wird, hätte Frankfurt sie eher in einen lebendigen interdisziplinären Zusammenhang gestellt, die das Gegenteil einer Musealisierung der Bestände bezweckt hätte. Möglicherweise hätte auch der Name und die solitäre Figur des Frankfurter Ehrenbürgers Siegfried Unselds, der den Verlag von 1959 an führte, in dessen Wahlheimat eine andere Wirkungsmächtigkeit entfaltet als dies in Marbach der Fall sein kann, wo die Verlagsbestände vor allem in einem Chor der Stimmen zur Geltung kommt.

          In dem Abschied auf Raten, bei dem Suhrkamp seine Frankfurter Wurzeln nach und nach kappt, ist mit dem Umzug der Archive nach Marbach ein gewichtiges Kapitel gut ausgegangen. Wobei das letzte Wort auch hier noch nicht gesprochen scheint: Nachdem die für den 1. Oktober angesetzte Gesellschafterversammlung, bei der unter anderem die anstehende Veräußerung der Archive zur Sprache kommen sollte, abgesagt wurde, nimmt Joachim Unseld, Sohn Siegfrieds und neben der Medienholding AG Winterthur dritter Gesellschafter des Suhrkamp Verlags, die Nachricht vom Verkauf der Archive „mit einigem Erstaunen“ zur Kenntnis. Seit der abgesagten Gesellschafterversammlung seien die Gesellschafter nicht informiert worden und hätten dementsprechend der jetzigen Übertragung auch nicht zustimmen können. Ob also über den Verkauf der Archive – wie auch über die Rechtmäßigkeit des Umzugsbeschlusses – am Ende ein Gericht entscheiden muss, bleibt abzuwarten.

          Goethe unterm Hammer

          Dass Suhrkamp Geld braucht, ist bekannt. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Besorgnis erregt aber der Umstand, wie offen die Geldnot des Verlags inzwischen zutage tritt. Dem Vernehmen nach wird im Kunsthandel bereits nach neuen Besitzern für einige verlagseigene Kunstwerke gesucht, zu denen unter anderem der berühmte Goethe von Warhol zählen soll. Währenddessen ist Uwe Tellkamps „Turm“, der sich als Gewinner des Deutschen Buchpreises im vergangenen Jahr eine halbe Millionen Mal verkauft hat, jetzt bei Weltbild als Softcover in einer Art Clubausgabe zu Weihnachten für 14,95 Euro zu haben. Nicht die Lizenzausgabe an sich macht hier stutzig, sondern die Tatsache, dass sie bereits jetzt, nur ein Jahr nach Erscheinen des Originals, gewährt wurde.

          Mit dem Votum für Marbach hat Suhrkamp sich auch für eine Teilmusealisierung seiner geistigen Geschichte entschieden. Das ehemalige Unseld-Wohnhaus in der Frankfurter Klettenbergstraße dürfte bald ebenfalls einem kleinen Museum ähneln. Für einen Verlag, der sich womöglich aufzulösen beginnt, ist diese Entscheidung konsequent.

          Weitere Themen

          Affen, Löwen, Adler

          FAZ.NET-Hauptwache : Affen, Löwen, Adler

          Im Frankfurter Zoo wird gefüttert, geplant und gebaut. Und beim Discounter gibt es guten Wein aus der Region. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der FAZ.NET-Hauptwache.

          Topmeldungen

          AKK im Kabinett : Auf dem Marsch ins Kanzleramt

          Wer wie Annegret Kramp-Karrenbauer Regierungschefin werden will, darf sich vor dem Verteidigungsministerium nicht fürchten. Auch in der Politik gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

          Shitstorm des Tages : Ein „Aufstand der Generäle“ als Rohrkrepierer

          Uwe Junge ist rhetorisch kampferprobt. Gegen die neue Verteidigungsministerin fährt der AfD-Politiker und ehemalige Stabsoffizier ganz großes Geschütz auf. Doch der Schuss geht nach hinten los. Übrig bleibt geistiges Brandstiftertum.
          Nordkoreas Machthaber KIm Jong-un sieht man regelmäßig bei offiziellen Empfängen in Limousinen vorfahren.

          Kim Jong-un : Wie Nordkoreas Machthaber an seine Luxusautos kommt

          Eigentlich ist der Export von Luxusgütern nach Nordkorea verboten. Trotzdem sieht man Machthaber Kim Jong-un bei offiziellen Empfängen regelmäßig in Limousinen vorfahren. Eine Forschergruppe will das Rätsel gelöst haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.