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Das Suhrkamp-Archiv geht : Ein Abschied auf Raten

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Die Frankfurter, die den Archiven in dem der Universitätsbibliothek angegliederten Archivzentrum von 2014 an eine mit Marbach vergleichbare Fläche und eine personell verstärkte Betreuung gewidmet hätten, setzen in ihrer Bewerbung besonders auf die aktive Vermittlung, die an einer Hochschule in anderem Maße möglich ist als an einer museal ausgerichteten Forschungseinrichtung. Insofern liegt der Hauptunterschied zwischen den beiden Konzepten weniger bei der Erschließung denn der geistigen Präsentation. Während in Marbach künftig nicht allein der Forschungs-, sondern auch der Schauwert der Sammlung zur Geltung gebracht werden wird, hätte Frankfurt sie eher in einen lebendigen interdisziplinären Zusammenhang gestellt, die das Gegenteil einer Musealisierung der Bestände bezweckt hätte. Möglicherweise hätte auch der Name und die solitäre Figur des Frankfurter Ehrenbürgers Siegfried Unselds, der den Verlag von 1959 an führte, in dessen Wahlheimat eine andere Wirkungsmächtigkeit entfaltet als dies in Marbach der Fall sein kann, wo die Verlagsbestände vor allem in einem Chor der Stimmen zur Geltung kommt.

In dem Abschied auf Raten, bei dem Suhrkamp seine Frankfurter Wurzeln nach und nach kappt, ist mit dem Umzug der Archive nach Marbach ein gewichtiges Kapitel gut ausgegangen. Wobei das letzte Wort auch hier noch nicht gesprochen scheint: Nachdem die für den 1. Oktober angesetzte Gesellschafterversammlung, bei der unter anderem die anstehende Veräußerung der Archive zur Sprache kommen sollte, abgesagt wurde, nimmt Joachim Unseld, Sohn Siegfrieds und neben der Medienholding AG Winterthur dritter Gesellschafter des Suhrkamp Verlags, die Nachricht vom Verkauf der Archive „mit einigem Erstaunen“ zur Kenntnis. Seit der abgesagten Gesellschafterversammlung seien die Gesellschafter nicht informiert worden und hätten dementsprechend der jetzigen Übertragung auch nicht zustimmen können. Ob also über den Verkauf der Archive – wie auch über die Rechtmäßigkeit des Umzugsbeschlusses – am Ende ein Gericht entscheiden muss, bleibt abzuwarten.

Goethe unterm Hammer

Dass Suhrkamp Geld braucht, ist bekannt. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Besorgnis erregt aber der Umstand, wie offen die Geldnot des Verlags inzwischen zutage tritt. Dem Vernehmen nach wird im Kunsthandel bereits nach neuen Besitzern für einige verlagseigene Kunstwerke gesucht, zu denen unter anderem der berühmte Goethe von Warhol zählen soll. Währenddessen ist Uwe Tellkamps „Turm“, der sich als Gewinner des Deutschen Buchpreises im vergangenen Jahr eine halbe Millionen Mal verkauft hat, jetzt bei Weltbild als Softcover in einer Art Clubausgabe zu Weihnachten für 14,95 Euro zu haben. Nicht die Lizenzausgabe an sich macht hier stutzig, sondern die Tatsache, dass sie bereits jetzt, nur ein Jahr nach Erscheinen des Originals, gewährt wurde.

Mit dem Votum für Marbach hat Suhrkamp sich auch für eine Teilmusealisierung seiner geistigen Geschichte entschieden. Das ehemalige Unseld-Wohnhaus in der Frankfurter Klettenbergstraße dürfte bald ebenfalls einem kleinen Museum ähneln. Für einen Verlag, der sich womöglich aufzulösen beginnt, ist diese Entscheidung konsequent.

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