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Das Suhrkamp-Archiv geht : Ein Abschied auf Raten

  • -Aktualisiert am

Habermas dürfte nicht glücklich sein

Zwischen die Goethe-Universität Frankfurt und das Marbacher Archiv aber ist durch die jetzige Entscheidung offenbar kein Keil getrieben worden; in einer gemeinsamen Presseerklärung heißt es, die Universität und das Literaturarchiv würden bei der Erschließung und Erforschung der Bestände kooperieren; außerdem sichert Marbach Frankfurt eine privilegierte Position bei der Erforschung zu. In der noch zu gründenden Arbeitsgemeinschaft Suhrkamp-Insel-Archive, in der die Erforschung und Vermittlung durch wissenschaftliche Kolloquien, Ausstellungen und Publikationen koordiniert werden soll, dürfte dann vor allem Wolfgang Schopf eine zentrale Rolle spielen. Der Germanist, der die Bestände seit mittlerweile neun Jahren buchstäblich Seite für Seite entdeckt, hat die papiernen Bestände in Hauslesungen und Seminaren zusammen mit seinen Kollegen regelrecht zu Leben erweckt. Der einzigartige geistesgeschichtliche und literaturwissenschaftliche Rang der Sammlung ist ihm bewusst: „Hier an der Goethe Universität wurden Maßstäbe gesetzt, die beispielhaft sind für das, was ein Einzelarchiv leisten kann.“

Frankfurt hat sich also, nicht nur, was die im Rahmen der 2002 überlassenen Dauerleihgabe angeht, nichts vorzuwerfen, im Gegenteil. Es wäre fatal, wenn die engagierte Zusammenarbeit, mit der sich Universität, Stadt und Land um die Archive bemüht haben, mit der Enttäuschung über den ungünstigen Ausgang dieser Bewerbung, wieder auf Eis gelegt würde. Universitätspräsident Werner Müller-Esterl äußert sich im Gespräch bei allem Bedauern über die Entscheidung denn auch positiv über die „substantielle Unterstützung“, die man erfahren habe. „Wir haben alles getan, was wir tun konnten.“ Auch finanziell sei man bis an die äußerste Grenze gegangen. Dafür habe man nun in Marbach einen „fairen und rationalen Partner“.

Marbach ist gegenüber Frankfurt eindeutig im Vorteil, was die personellen und infrastrukturellen Kapazitäten zur raschen Erschließung der Bestände angeht. Maßgeblich dürften für den Verlag, dem Siegfried Unseld einst den Leitspruch „Hier werden keine Bücher, sondern Autoren publiziert“ gab, auch der Wunsch seiner Autoren gewesen sein. Neben Suhrkamp-Leuchttürmen wie Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein, Wolfgang Frühwald und George Steiner, die in der Pressemitteilung begeistert zitiert werden, dürfte auch andere wichtige Suhrkamp-Autoren, von Sibylle Lewitscharoff bis zu Uwe Tellkamp, dem Archivumzug nach Marbach unterstützt haben – hier sind schließlich fast alle deutschen Schriftsteller vertreten, deren Nachlässe von eigenen Archiven betreut werden. Selbst Martin Walser, der seit dem Bruch mit seinem einstigen Verlag nicht eben im Ruf steht, Suhrkamps Politik zu loben, sagt zu der Entscheidung nur: „Absolut richtig.“ Jürgen Habermas indes, der seinen Vorlass jüngst an die Goethe-Universität gegeben hat, dürfte nicht glücklich sein über die Abspaltung seiner Arbeiten von ihrer geistigen Umgebung.

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