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Comicsalon Erlangen : Stadtväter, lest die Signale!

Erkenne dich selbst: Ralf König spielt auf dieser Originalseite aus „Archetyp” mit den Usancen des Comics Bild: Rowohlt

Der Vorlauf zu dieser wichtigsten Preisverleihung für den Comic im deutschsprachigen Raum gestaltete sich katastrophal, die Durchführung jedoch triumphal. Der Erlanger Comicsalon zeigt mit seinen verdienten Preisträgern eine Branche im Aufwind und eine neue Lust am Bild.

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          Zunächst einmal: Dass der diesjährige Erlanger Comicsalon überhaupt so glanzvoll stattgefunden hat, ist eine Sensation. Die Stadt hatte ihm im Vergleich zur letzten Veranstaltung 2008 ein Fünftel des Etats gekürzt, und finanzielle Planungssicherheit über den Rest bestand erst im Januar, zu einem Zeitpunkt also, an dem normalerweise längst die begleitenden Ausstellungen oder Schauplätze hätten vereinbart sein müssen. Dann legte sich das Stadtmuseum Erlangen quer, als es um einen großen Ausstellungskomplex zu Geschichte und Aktualität des Zeitungscomics ging – die erhofften Liegenschaften standen plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Und zu guter Letzt geriet auch noch das Herz des Salons, die Verleihung des Max-und-Moritz-Preises als bedeutendster deutscher Comic-Auszeichnung, aus dem Takt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn die Bekanntgabe des publikumswirksamen Lebenswerkpreisträgers zog sich endlos hin, weil der auserkorene einundsiebzigjährige französische Szenarist Pierre Christin sich Zeit mit der Zusage ließ. Dadurch verzögerte sich die Bekanntgabe der für die übrigen Max-und-Moritz-Preise nominierten Zeichner und Comics, und das schadete wiederum dem erstmals ausgelobten Publikumspreis, für den nur noch eine grotesk knappe Abstimmungsdauer von zehn Tagen blieb.

          Zulauf wie selten zuvor

          Kurz gesagt: Der Vorlauf gestaltete sich katastrophal, die Durchführung jedoch triumphal. Mit 25 000 Besuchern wurde das Ergebnis des Vorgängersalons klar übertroffen, die teilweise in kürzester Frist erarbeiteten Ausstellungen hatten auch an ungewöhnlichen Orten wie ehemaligen Buchhandlungen oder den Stadtwerken Zulauf wie selten zuvor, und die Auswahl der Preisträger ist über jeden Zweifel erhaben. Die Max-und-Moritz-Preise des Jahres 2010 ehren konsequent die mutigsten Comic-Publikationen der vergangenen beiden Jahre.

          Das beginnt mit „Alpha“ von Jens Harder. Seine gezeichnete Geschichte der Evolution bis zum Erscheinen des Menschen umfasst 350 Seiten und verlangte dem Berliner Zeichner vier Jahre Arbeit ab. Dann fand sich kein deutscher Verlag dafür. Doch Harder, der schon mit seinem nur in Frankreich, aber dafür mehrsprachig verlegten Vorgängerband „Leviathan“ 2004 einen Max-und-Moritz-Preis gewonnen hatte, suchte wieder den Umweg über das große Comicland jenseits des Rheins. Dort wurde „Alpha“ bei Erscheinen 2009 sofort als Sensation gefeiert und erhielt beim Festival von Angoulême schließlich den „Preis für Wagemut“. Mittlerweile hat der Hamburger Carlsen Verlag eine deutsche Übersetzung publiziert und fährt nun für diesen moderaten Mut die Ernte ein.

          Als einzige ernsthafte Konkurrenz beim Rennen um die Auszeichnung als bester deutschsprachiger Comic durfte das autobiographische Mammutwerk „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ gelten. Die wie Harder in der Berliner Comiczeichnergruppe Monogatari tätige Österreicherin Ulli Lust erzählt über ihr jugendliches Ausreißen nach Italien in einer Intensität, die ihresgleichen nicht hat (siehe Ulli Lusts Graphic Novel „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“). Ein halbes Dutzend Übersetzungen sind bereits verabredet, der kleine Avant Verlag verkauft derzeit die dritte Auflage. Das heißt zwar nicht mehr, als dass es 4500 Käufer für diesen Comic gibt, aber das ist in Deutschland für ein Werk von solcher Komplexität eine veritable Sensation. Zumal Ulli Lust völlig überraschend den neuen Publikumspreis gewann, womit das einzige Versäumnis der Jury korrigiert wurde.

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