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Comic : Meine italienische Geisterfahrt

Prater, Punk, Persepolis

Ulli Lust versammelt in ihrem Buch etliches, was der Comic an ästhetischen Lösungen entwickelt hat. Wenn die Männer über Ulli herfallen, nehmen sie die tiefschwarzen Silhouetten von Raubtieren an, wie wir es aus Lorenzo Mattottis Geschichten kennen. Die Blickverlagerung in die Höhe hat David Mazzucchelli in seiner Paul-Auster-Adaption „Stadt aus Glas“ vor anderthalb Jahrzehnten mustergültig vorgeführt, und auch die allegorisch-traumverlorene Bildersprache eines David B. findet sich in „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ bisweilen wieder.

Der Vergleich jedoch, dem Ulli Lust sich vor allem wird aussetzen müssen, ist der mit Marjane Satrapis Erfolgscomic „Persepolis“. Nicht nur, weil es immer noch selten ist, dass Frauen sich in die Riege der großen Comiczeichner vorkämpfen, sondern vor allem, weil beide Künstlerinnen traumatische selbst erlebte Jugendgeschichten erzählen. Und es gibt einen gemeinsamen biographischen Bezugspunkt: Satrapis Wiener Zeit in der Mitte der achtziger Jahre. Das ist der Teil von „Persepolis“, der angesichts der für Europäer viel spannenderen Episoden, die Satrapi über ihre Heimat Iran erzählt, in der Rezeption immer vernachlässigt wird. Doch die Perserin in Österreich erlebte ähnliche Enttäuschungen wie die Östereicherin in Italien, und zudem gehörten beide der Wiener Punkszene an. Ulli Lust lacht wieder, als sie darauf angesprochen wird: „Ich glaube, ich kenne diesen Punker Momo, mit dem Marjane Satrapi in Wien befreundet war. Er war ein paar Jahre jünger als ich, seine linke Attitüde seltsam schnöselhaft. Wir konnten nichts miteinander anfangen.“

Streng gegenüber sich selbst und rücksichtslos

Diese Äußerung macht einen entscheidenden Unterschied zwischen „Persepolis“ und „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ klar: Ulli Lust hat keine Botschaft, kein politisches Interesse, keine Überzeugung, die es zu vertreten gälte. Marjana Satrapi hat all das. Dafür hat sie ihr eigenes Leben neu arrangiert, um über die mehr als zehn Jahre, die „Persepolis“ umfasst, einen Spannungsbogen zu ziehen, der dramaturgischen Gesichtspunkten gehorcht, nicht dem realen Geschehen - hier folgt der Inhalt der Form. Ulli Lust dagegen ist auf der komprimierten Strecke von zwei Monaten Erzählzeit (bei größerem Buchumfang!) streng gegenüber sich selbst. Sie will erzählen, was genau passiert ist, weil es nichts Wichtigeres zu berichten gibt als das, was einen selbst gesprägt hat. Deshalb sind Dokumente in den Band einmontiert: Notizzettel, Bettelschilder, Tagebuchnotate - all das, was Ulli Lust als Siebzehnjährige schon gesammelt hat, um vor sich Rechenschaft abzulegen.

Damit gesellt sie sich jetzt als jüngste und bislang eindrucksvollste Stimme dem immer noch wachsenden Chor autobiographischer Erzähler im Comic zu. Ulli Lust ist nicht nur streng gegenüber sich selbst, sondern auch rücksichtslos. Vier Freunde ließ sie die Sache probelesen; drei ermunterten sie, eine Freundin sah sie danach nicht mehr wieder. Ihren Eltern hat sie den Comic noch nicht gegeben, und der vierundzwanzigjährige Sohn Philipp, geboren ein Jahr nach der italienischen Reise, will das fertige Buch abwarten, ehe er die Geschichte liest. „Das ist mir zwar ein wenig unangenehm“, sagt Ulli Lust, „aber insgesamt vertraue ich auf sein liberales aufgeschlossenes Weltbild.“ Der Sohn wird die Mutter anders kennenlernen, als er sie zu kennen glaubte. Alle anderen Leser werden mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ Comics anders kennenlernen, als sie sie zu kennen glaubten.

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