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Comic : Meine italienische Geisterfahrt

Ist das alles wirklich so passiert? Ja, bekräftigt Ulli Lust, nur den Namen von Edith habe sie geändert, um der heute wieder in Wien lebenden Frau keinen Schaden zuzufügen. Gesehen haben sich beide seit damals nicht mehr. Als Ulli Lust nach ihrer Freilassung aus der kurzen Haft und der zwischenzeitlichen Rückkehr nach Rom schließlich im Oktober 1984 wieder daheim ankam, war Edith ihr schon zuvorgekommen und hatte dort die eigene Drogensucht und Prostitution der Freundin untergeschoben. Das begründete die Schande, in der Ulli fortan zu leben hatte. Niemand wollte ihr glauben, dass es bei einmal Heroin geblieben war und von Prostitution keine Rede sein konnte, dafür aber von Vergewaltigung und Belästigung.

„Ganz schön dumm, aber einfach eine gute Geschichte“

Heute erzählt Ulli Lust davon derart ruhig, dass man der feingliedrigen Frau jedes Wort glauben muss. Die Zeit und wohl auch der Abstand zur österreichischen Heimat haben den Zorn gemindert, der sie lange umgetrieben hat. In Berlin hat sie eine neue, ihre eigene Welt errichtet, und in deren Mittelpunkt steht die künstlerische Arbeit am Erzählen von dem, was andere Welten ausmacht. Ulli Lust versteht sich als Beobachterin, und so ist es auch im Falle ihrer selbst: Das eigene Handeln, damals wie heute, wird genau reflektiert, aber unmittelbar abgebildet. Dazu braucht es den Ruhepol des Ateliers, in dem es als einziges Zugeständnis ans sonstige Leben eine Matratze auf dem Boden gibt, über der eine rotkarierte Tagesdecke liegt – „hier: mein Arbeitsbett“, scherzt die Zeichnerin. Das Hinterzimmer befindet im ersten Stock eines Mietshauses in Prenzlauer Berg, nicht weit um die Ecke ist der Helmholtzplatz, wo die Zeichnergruppe Monogatari ihr Gemeinschaftsatelier unterhält. Doch Ulli Lust arbeitet lieber hier, wo sie auch wohnt, zwischen Büchern und zahlreichen Pinselbechern auf den Regalen.

Sie teilt die Wohnung mit dem Monogatari-Kollegen Pfeiffer, der lange Überzeugungsarbeit geleistet hat, um sie zu bewegen, die italienischen Erlebnisse aufzuzeichnen. Genau ein Vierteljahrhundert nach der Reise ist die Sache nun fertig, und Ulli Lust zieht Bilanz: „Ich habe mich aus dieser Schande wieder herausgekämpft, und dann hatte ich mit der ganzen Disziplin und Kraft, die ich gewonnen habe, und meinem tollen Kunststudium nichts Besseres zu tun, als die ganze Story wieder zu erzählen.“ Sie lacht. „Das ist ganz schön dumm, aber es ist einfach eine gute Geschichte.“

Darauf hat der deutsche Comic gewartet

Auf solche Geschichten hat nicht nur der deutsche Comic gewartet, aber er ganz besonders. Zur Zeit schwelgt die Branche hierzulande im Graphic-Novel-Boom, also im - zunächst vor allem publizistischen, noch nicht wirklich ökonomischen - Erfolg von Comics, die keine Rücksicht auf Formate oder Umfänge mehr nehmen, sondern so erzählen, wie es der Stoff eben erfordert. Vorbild dabei sind Romane, deshalb die Bezeichnung „Graphic Novel“, die irreführend ist, weil die Verlage mittlerweile fast alles unter diesem Rubrum veröffentlichen, was nichts ins gängige Heft- oder Albenschema passt. Also Literaturadaptionen genauso wie Biographien oder nun Ulli Lusts Erlebnisbericht, der viel eher Anspruch darauf erheben dürfte, als Memoiren oder Reportage bezeichnet zu werden denn als Roman.

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