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Castingshows : Erniedrigte und Beleidigte

Einmal „Star” und zurück: Martin Kesici (l.) und Markus Grimm Bild: Julia Zimmermann

Zwei Castingshow-Gewinner haben ihre Erfahrungen als Kurzzeit-Stars aufgeschrieben. Das Buch ist erschütternd. Es zeigt: Nicht die Zuschauer sind die Opfer des Demütigungsfernsehens, es sind dessen Protagonisten.

          Vor ein paar Jahren, so könnte man diese Geschichte auch erzählen, haben sich zwei junge Männer einen Traum erfüllt. Sie haben sich durchgesetzt, gegen Tausende anderer Gesangstalente, sie hatten die besseren Stimmen und die schöneren Lieder, und naturgemäß leben sie seitdem als wohlhabende Künstler, die sich über ihre Zukunft keine Gedanken mehr machen müssen. Und wenn sie manchmal verzweifelt sind, wenn sie trinken oder Drogen nehmen oder mit anderen Skandalen in die Medien kommen, dann sind das nur die Symptome ihres anhaltenden Ruhms.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Geschichte aber, die Martin Kesici und Markus Grimm erzählen, klingt etwas anders, und für all jene, die sich flüchtig an diese Namen erinnern können, ist das nicht einmal besonders überraschend: 2003 gewann Kesici als weichgespülter Hardrocker die Sat.1-Castingshow „Starsearch“, ein Jahr später wurde Grimm in die Gruppe Nu Pagadi gewählt, die sich Pro Sieben für die vierte Staffel der Sendung „Popstars“ ausgedacht hatte, eine groteske Dark-Rock-Band, die die Felle von Dschingis Khan auftragen musste. Dass ihr Sieg eher das Ende einer kurzen Fernsehkarriere markierte als den Anfang einer erfolgreichen Laufbahn als Musiker, das war schon damals für die meisten Zuschauer erwartbar. Rein musikalisch war es sogar durchaus beruhigend – was es nicht leichter macht, Mitleid zu mobilisieren für das traurige Schicksal, von dem die beiden nun in ihrem Buch „Sex, Drugs & Castingshows“ erzählen.

          Manipulationen und Mauscheleien

          Sie sind nicht gerade ein Kulturschock, die sogenannten Enthüllungen der beiden Ex-Stars: Wer nichts anderes erwartet, von einem Blick ins Herz der Unterhaltungsindustrie, als Menschenverachtung und Egoismus, der ist fast ein wenig enttäuscht. Natürlich läuft es nicht besonders barmherzig ab hinter den Kulissen, hinter die Kesici und Grimm da blicken lassen, natürlich wimmelt es dort nur so von sozialen und ästhetischen Stillosigkeiten, von Manipulationen und Mauscheleien. Im Vergleich zu den Demütigungen und Erniedrigungen, die sich, für Millionen von Zuschauern sichtbar, vor den Kulissen abspielen, erscheinen die Zustände dahinter aber fast schon human. Und auch die verbalen Atomraketen, mit denen etwa jemand wie Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar“ das Selbstbewusstsein seiner Kandidaten vernichten will, sind ja nicht unbedingt Geheimwaffen.

          „Manchmal denke ich, dass ich ein Avatar bin”: Markus Grimm

          Man könnte sich also sehr leicht darüber lustig machen, dass es die beiden Autoren überhaupt für einen Skandal halten, dass die Produzenten und die Plattenfirmen die Versprechen nicht eingehalten haben, welche sie ihnen leichtfertig abgenommen hatten; dass ihre Hoffnung auf Ruhm und Erfolg sich nicht erfüllte oder einfach nur der Wunsch auf eine faire Behandlung. Der Blick auf diese Naivität aber ist eine Offenbarung. Wenn es nicht einmal die Kandidaten, die am tiefsten gefallen sind, weil sie am höchsten standen, bis heute geschafft haben, sich vollständig von ihren Illusionen zu verabschieden; wenn selbst die Gewinner einer solchen Show zu deren Verlierern zählen – dann zeigt das, dass Häme und Ironie auch nicht viel helfen gegen die Nachhaltigkeit der Faszination, die eine mittlerweile zur Jugendkultur gewordene Ausbeutungsindustrie ungebrochen ausübt. So wenig Stoff dieses Buch bietet, dem grundsätzlich skandalösen Genre sein verbrecherisches Wesen konkret nachzuweisen, so sehr muss man es all jenen nahebringen, die noch immer glauben, das Fernsehen könne ihnen einen Traum erfüllen. Dieses Buch gehört in die Schulen, nicht ins Feuilleton.

          Bühnenoutfits für die Freunde

          Der Verblödungsvorwurf an die Shows, der gerade wieder Konjunktur hat, geht nämlich an der Sache völlig vorbei. Es sind nicht die angeekelten Zuschauer, die unter den Castingshows leiden, es sind deren Protagonisten (und alle, die es werden wollen). Man merkt ja kaum noch, wie ungeheuerlich schon der Gestus ist, mit dem das Buch daherkommt: Der Klappentext bemüht das komplette Vokabular jener Insiderberichte, die man sonst von Sektenaussteigern oder abtrünnigen Geheimdienstlern kennt.

          Man muss nicht unnötig die siebziger Jahre heraufbeschwören, aber es hilft, sich nur einmal kurz vorzustellen, wie kurios es gewirkt hätte, wenn damals ein Gewinner von „Am laufenden Band“ „ausgepackt“ hätte oder ein Kandidat von „Was bin ich“. Und mit welchem Schulterzucken man diese Wortwahl heute zur Kenntnis nimmt. Da spielt es kaum noch eine Rolle, dass es sich bei den Verträgen, die die beiden im Anhang achtzig Seiten lang veröffentlichen, auch nur um die üblichen Exklusivverträge handelt, die den Musikern allenfalls ein Mitspracherecht für ihre Songs einräumen. Immerhin gelang es den Autoren gelegentlich sogar, dieses Recht durchzusetzen: Die Mitglieder von Nu Pagadi wehrten sich erfolgreich gegen ein Stück, das sich die Plattenfirma ausgedacht hatte, „eine Mischung aus Abba und Rammstein“ mit dem erbaulichen Titel „Wer ficken will, muss freundlich sein“. Und der modisch beratungsresistente Kesici verschenkte die Bühnenoutfits, die er tragen sollte, lieber an seine Freunde.

          Hasch-Martin und Sexferkel

          Dass das Buch doch ein paar Passagen bereithält, die auch abgebrühtere Medienkritiker noch erregen können, liegt vor allem daran, dass die unappetitliche Zusammenarbeit der Sender mit der Boulevardpresse noch reibungsloser funktioniert, als man es befürchtet hatte: Da weiß auf einmal ein Reporter der „Bild“-Zeitung von der Drogenvergangenheit, die Kesici kurz vorher der Produktionsleitung gebeichtet hatte. Da holt, eines Abends, während der Dreharbeiten zu „Star Search“, eine Limousine Kesici und seinen Halbfinalgegner Thomas Wohlfahrt vor dem Hotel ab, drinnen warten Champagner, ein Kamerateam des Sat.1-Boulevardmagazins „Blitz“ und ein Fotograf der „Bild“-Zeitung. Man habe, erklärt der Fernsehredakteur, einen „Entspannungsabend“ vorbereitet, und weil der Kollege von „Bild“ bis zum Ende mitfeiert, finden die beiden am nächsten Tag ihre Gesichter neben den Hintern diverser Nackttänzerinnen auf der Titelseite wieder, unter der freundlichen Zeile „Hasch-Martin und Sexferkel Thomas unterwegs“. Teilnehmende Beobachtung heißt das in der Ethnologie.

          Schlimmer, so schildern es die beiden, werden die Demütigungen nur, wenn der Rausch nachlässt; wenn die kreischenden Mädchen verschwunden sind, aber nicht die fiesen Jungs; wenn man nicht mehr das Idol ist, das man nie sein wollte, sondern nur noch die Karikatur, die die Produzenten aus einem gemacht haben. Noch heute muss Grimm mitunter vor Jugendlichen davonlaufen, die mit Bierflaschen auf ihn einschlagen wollen. An einem Novembertag etwa, als sich die Hysterie um Nu Pagadi längst „in absolute Stille und Desinteresse verwandelt“ hatte, saß er in einem McDonald’s-Restaurant, und während er sich noch mit einem „wohligen Schauer“ an die Zeit erinnerte, als die Band einen Werbespot für die Burger-Kette aufnahm, holten ihn vier Jungs am Nebentisch in die Gegenwart zurück: „Hey“, sagten sie, „das ist doch die Schwuchtel von ‚Popstar‘. Kommt, dem hauen wir krass eine aufs Maul.“ „Die gleichen Typen“, schreibt Grimm, „standen schon in meiner Kindheit vor diesen Filialen und fanden es cool, mich auf dem Heimweg von der Schule anzupöbeln. . . . Es waren aber auch dieselben Typen, die vor einem halben Jahr noch anerkennend zu mir gekommen waren und gesagt hatten: ‚Alter, ey, was geht? Krass, was ihr so macht. Echt cool. Kannst du hier mal unterschreiben?‘‘‘

          Existentielle Selbstzweifel

          Grimm ist eindeutig die tragischere Figur. Seine Enttäuschung mündet gelegentlich in existentielle Selbstzweifel: „Manchmal denke ich“, schreibt er, „dass ich ein Avatar bin, eine Spielfigur der Sims, die ungeliebte Puppe aus der Augsburger Puppenkiste, die man an den eigenen Fäden erhängt hat.“ Und er wünscht sich, alles wäre nicht passiert: „Keine TV-Typen, die mich vom Nobody zum No-Nobody machten, keine Kälte und Arroganz von all denen, die es geschafft haben und mich belächeln, keine Zweifel an mir selbst, keine Angst vor dem Morgen, der schon gestern vorbei war.“

          Es liegt sicher nicht nur an den Folgen seiner kurzen und unglücklichen Fernsehkarriere, dass man sich um Grimms Wohlbefinden ernsthaft Sorgen machen muss; aber wäre der Gedanke so abwegig, dass man einem Menschen, dessen Unsicherheit so offensichtlich ist, rechtzeitig vor dem emotionalen Chaos warnt, das so ein Pulverruhm nach sich zieht?

          Man kann den beiden nur wünschen, dass sie bald wieder sein können, was sie mal waren: der Martin und der Markus.

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