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Castingshows : Erniedrigte und Beleidigte

Man muss nicht unnötig die siebziger Jahre heraufbeschwören, aber es hilft, sich nur einmal kurz vorzustellen, wie kurios es gewirkt hätte, wenn damals ein Gewinner von „Am laufenden Band“ „ausgepackt“ hätte oder ein Kandidat von „Was bin ich“. Und mit welchem Schulterzucken man diese Wortwahl heute zur Kenntnis nimmt. Da spielt es kaum noch eine Rolle, dass es sich bei den Verträgen, die die beiden im Anhang achtzig Seiten lang veröffentlichen, auch nur um die üblichen Exklusivverträge handelt, die den Musikern allenfalls ein Mitspracherecht für ihre Songs einräumen. Immerhin gelang es den Autoren gelegentlich sogar, dieses Recht durchzusetzen: Die Mitglieder von Nu Pagadi wehrten sich erfolgreich gegen ein Stück, das sich die Plattenfirma ausgedacht hatte, „eine Mischung aus Abba und Rammstein“ mit dem erbaulichen Titel „Wer ficken will, muss freundlich sein“. Und der modisch beratungsresistente Kesici verschenkte die Bühnenoutfits, die er tragen sollte, lieber an seine Freunde.

Hasch-Martin und Sexferkel

Dass das Buch doch ein paar Passagen bereithält, die auch abgebrühtere Medienkritiker noch erregen können, liegt vor allem daran, dass die unappetitliche Zusammenarbeit der Sender mit der Boulevardpresse noch reibungsloser funktioniert, als man es befürchtet hatte: Da weiß auf einmal ein Reporter der „Bild“-Zeitung von der Drogenvergangenheit, die Kesici kurz vorher der Produktionsleitung gebeichtet hatte. Da holt, eines Abends, während der Dreharbeiten zu „Star Search“, eine Limousine Kesici und seinen Halbfinalgegner Thomas Wohlfahrt vor dem Hotel ab, drinnen warten Champagner, ein Kamerateam des Sat.1-Boulevardmagazins „Blitz“ und ein Fotograf der „Bild“-Zeitung. Man habe, erklärt der Fernsehredakteur, einen „Entspannungsabend“ vorbereitet, und weil der Kollege von „Bild“ bis zum Ende mitfeiert, finden die beiden am nächsten Tag ihre Gesichter neben den Hintern diverser Nackttänzerinnen auf der Titelseite wieder, unter der freundlichen Zeile „Hasch-Martin und Sexferkel Thomas unterwegs“. Teilnehmende Beobachtung heißt das in der Ethnologie.

Schlimmer, so schildern es die beiden, werden die Demütigungen nur, wenn der Rausch nachlässt; wenn die kreischenden Mädchen verschwunden sind, aber nicht die fiesen Jungs; wenn man nicht mehr das Idol ist, das man nie sein wollte, sondern nur noch die Karikatur, die die Produzenten aus einem gemacht haben. Noch heute muss Grimm mitunter vor Jugendlichen davonlaufen, die mit Bierflaschen auf ihn einschlagen wollen. An einem Novembertag etwa, als sich die Hysterie um Nu Pagadi längst „in absolute Stille und Desinteresse verwandelt“ hatte, saß er in einem McDonald’s-Restaurant, und während er sich noch mit einem „wohligen Schauer“ an die Zeit erinnerte, als die Band einen Werbespot für die Burger-Kette aufnahm, holten ihn vier Jungs am Nebentisch in die Gegenwart zurück: „Hey“, sagten sie, „das ist doch die Schwuchtel von ‚Popstar‘. Kommt, dem hauen wir krass eine aufs Maul.“ „Die gleichen Typen“, schreibt Grimm, „standen schon in meiner Kindheit vor diesen Filialen und fanden es cool, mich auf dem Heimweg von der Schule anzupöbeln. . . . Es waren aber auch dieselben Typen, die vor einem halben Jahr noch anerkennend zu mir gekommen waren und gesagt hatten: ‚Alter, ey, was geht? Krass, was ihr so macht. Echt cool. Kannst du hier mal unterschreiben?‘‘‘

Existentielle Selbstzweifel

Grimm ist eindeutig die tragischere Figur. Seine Enttäuschung mündet gelegentlich in existentielle Selbstzweifel: „Manchmal denke ich“, schreibt er, „dass ich ein Avatar bin, eine Spielfigur der Sims, die ungeliebte Puppe aus der Augsburger Puppenkiste, die man an den eigenen Fäden erhängt hat.“ Und er wünscht sich, alles wäre nicht passiert: „Keine TV-Typen, die mich vom Nobody zum No-Nobody machten, keine Kälte und Arroganz von all denen, die es geschafft haben und mich belächeln, keine Zweifel an mir selbst, keine Angst vor dem Morgen, der schon gestern vorbei war.“

Es liegt sicher nicht nur an den Folgen seiner kurzen und unglücklichen Fernsehkarriere, dass man sich um Grimms Wohlbefinden ernsthaft Sorgen machen muss; aber wäre der Gedanke so abwegig, dass man einem Menschen, dessen Unsicherheit so offensichtlich ist, rechtzeitig vor dem emotionalen Chaos warnt, das so ein Pulverruhm nach sich zieht?

Man kann den beiden nur wünschen, dass sie bald wieder sein können, was sie mal waren: der Martin und der Markus.

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