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Buchtage in Berlin : Das Prinzip Tchibo

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Denn E-Books gibt es im Internet: Es ist eine böse Ironie, dass gerade die Buchhandelskultur als Erstes unter die Räder der Digitalisierung kommt Bild: REUTERS

Mit Kundennähe gegen die „e-volution“: Dem Buchhandel in Deutschland geht es nicht gut. Kaum erstaunlich, dass bei den Buchtagen in Berlin knackige Mutmacher-Vorträge gefragt sind. Auch wenn manche davon befremden.

          Lange ist es her, dass spätere Größen der Literatur quasi als Initiationsritus eine Lehre im Buchhandel absolvierten. Es war die solide Art, schon mal „irgendwas mit Büchern“ (Heinrich Böll) zu machen, ehe man selbst zum Bücherschreiber wurde. Heute ist der Beruf des Buchhändlers riskanter als der des Schriftstellers. Wenn man nicht überhaupt entlassen wird, verdient man wenig, hat familienunfreundliche Arbeitszeiten, und vor allem weiß man, dass die Zukunft enger wird mit jedem Tag. Es ist eine böse Ironie, dass gerade die beschauliche Buchhandelskultur als Erstes unter die Räder der Digitalisierung kommt. Bis zum Jahr 2025, so die Prognose eines Zukunftsszenarios, werde es 31 Prozent Rückgang im Buchhandelsgeschäft geben.

          „Dennoch die Schwerter halten“, lautet ein Vers Gottfried Benns, der das Motto der diesjährigen Buchtage in Berlin hätte abgeben können, dem Branchentreffen der im Börsenverein organisierten Buchhändler und Verleger. Stattdessen: „Im Sog der e-volution - Der Buchmarkt und seine Wertschöpfungsketten.“ Ohne e-Wort geht es derzeit nicht, und wer mit Wertschöpfungsketten rasselt, weckt Vertrauen, auch wenn der Begriff, der sich im Lauf des Kongresses einprägte, noch länger war: „Wertschöpfungskettenvernichtungspotential“.

          Die Chancen kleiner, agiler Buchhändler

          Fachbuchhandlungen wissen am besten, was er bedeutet: Hier verschwinden mit dem Wechsel von gedruckter zu elektronischer Distribution ganze Warengruppen. Anders als diese können sich Verlage immerhin um neue Geschäftsmodelle bemühen, aber auch ihnen macht ein verändertes Nutzerverhalten zu schaffen: Der Bücherschrank oder die Lose-Blatt-Sammlung im Anwaltsbüro ist dem bedarfsorientierten Online-Abruf gewichen. Carsten Thiess von der Haufe-Verlagsgruppe zog den lakonischen Schluss: „In fünf Jahren werden wir nicht mehr in der Lage sein, mit Inhalten oder Software Geld zu verdienen.“

          Bei Tchibo dreht sich schon lange nicht mehr alles ums Kerngeschäft

          Kaum erstaunlich, dass bei den Buchtagen knackige Mutmacher-Vorträge gefragt sind. Die funktionieren mit entschiedener „Ja, aber“-Rhetorik. Ja, der Kuchen wird kleiner, aber es sind noch Streusel darauf. Andreas Conrad, Vorstandsvorsitzender der Tchibo GmbH, zuvor Geschäftsführer bei Libri, breitete zunächst ernüchternde Zahlen aus: Angesichts der E-Book-Steigerungsraten in Amerika und in England könne kein Buchhändler mehr darauf vertrauen, dass es im Land der Buchpreisbindung schon „nicht so schlimm“ kommen werde. Dann wurde der Horizont heller: Die Branche sei nicht im „Sturzflug“, sondern im „gesicherten Sinkflug“. Worauf Conrad das Publikum mit einer Verheißung erfreute: Es werde eine Renaissance der kleineren Buchhandlungen geben. „Der menschliche Handschlag, das Auge-in-Auge ist es, was die Menschen wollen.“ Bei Amazon bekommt man alles, nur das nicht: netten Service und individuelle Beratung statt Suchmaschinen-Algorithmen mit ihrem eintönigen „Wer dies kauft, kauft auch das“.

          In der Tat scheint der kleine, agile Buchhändler, der zudem seine individuelle Website pflegt, heute bessere Chancen zu haben, die übermächtige Amazon-Konkurrenz zu bestehen, als die großen Filialisten mit ihren weiten Verkaufsflächen, ihrem wenigen, oft unbelesenen Personal und den gleichen Bestsellerstapeln. Erst in dieser Woche wurde öffentlich, dass Hugendubel die 4500-Quadratmeter-Filiale am Berliner Breitscheidplatz schließen werde, außerdem eine Filiale in Kassel aufgibt und sich aus Wetzlar ganz zurückzieht.

          Sich selbst kannibalisieren, sonst tun es die anderen

          Sosehr Conrads Lob der Kundennähe ankam - der Verdacht, dass er ein strukturelles Problem in ein Serviceproblem umdefinierte, war nicht ganz von der Hand zu weisen. Er wandte sich auch gegen die Ausweitung des Non-Book-Geschäfts, mit dem der Buchhändler seinen Kompetenzverlust offenkundig mache. Gerade diese Mahnung aber nimmt sich befremdlich aus beim Chef eines Unternehmens, das seinen Kaffee zugunsten des Handels mit Reise-Zwiebelschneidern, Gel-Pantoletten und Treckingrädern ausweitet. Warnte Conrad damit nicht gewissermaßen vor der Tchiboisierung?

          Die Dynamik des Wandels führte Christoph Keese vom Springer-Konzern vor. „Unsere Kernkompetenz“ sei ja nicht das Bedrucken von Papier, sondern die „Kuratierung“. Mit der gewaltigen Informationsflut wachse der Kuratisierungsbedarf: „Menschen mögen Navigation.“ Bei den Zeitungsmedien übertreffe die Reichweite der Internet-angebote inzwischen oft die der Print-angebote. Leider blieben die Werbeeinnahmen weit zurück. Wir wollen „mit Journalismus Geld verdienen, so gut es geht“ - das sei die Devise. Ansonsten: außerhalb des Journalismus Geld verdienen, weil das noch besser geht, etwa mit Online-Portalen wie der Preisvergleichsmaschine idealo; gerade wurde für mehr als fünfhundert Millionen Euro das größte Immobilienportal Frankreichs dazugekauft. Man könne nicht den Markt ändern, meinte Keese, aber „die eigene Marktposition“. Anders gesagt: „Wir müssen uns selbst kannibalisieren, sonst tun es die anderen.“

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