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Buchmesse-Ehrengast Argentinien : In diesem Land zählen nur die Toten

Ein Fixpunkt im kulturellen Leben des Landes seit 1858: das Café Tortoni in Buenos Aires Bild: AFP

Die neue argentinische Literatur ist erfolgreich aus dem Schatten ihrer Meister getreten. Wir haben die bedeutendsten Autoren des Landes getroffen - Alan Pauls, Samanta Schweblin, Martín Kohan und Martín Caparrós.

          10 Min.

          Manche erkunden fremde Städte durch ihre Einkaufsviertel, Museen, Grünanlagen oder Kirchen. Ich erinnere mich am genauesten an die Begegnung mit Schriftstellern. Nicht als Sightseeing-Ersatz, sondern um die Stadt nicht zu verlieren, bevor ich sie gewonnen habe. Schriftsteller sind Gedächtnis, Launenhaftigkeit, ein Sammelsurium aus Kunst und ortsbezogenem Privatuniversum und daneben meistens auch noch ganz normale Bürger. In der spanischsprachigen Welt kommt hinzu, dass man Schriftsteller fast immer stören kann, ob in Quito, Mexiko-Stadt, Barcelona oder Madrid; sie weigern sich, Belästigung zu empfinden. Wenn ich dann von einem halben Dutzend Begegnungen innerhalb weniger Tage überflutet zu werden drohe, tröstet mich der Gedanke ans Aufnahmegerät. Ein Glück, dass der kürzlich verstorbene argentinische Erzähler Rodolfo Fogwill seinen Whisky nicht darübergoss, als wir uns vor elf Jahren in einer Bar in Buenos Aires trafen. Dafür streute er mir überschwänglich Zigarettenasche auf den Arm. Er hatte mir gerade erzählt, wie Borges ihn eines Tages in der U-Bahn fast mit dem Blindenstock geschlagen hätte.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die jüngere argentinische Autorengeneration, die sich im Oktober als Gast auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird, mag weniger charismatisch sein als Fogwill, künstlerisch ist sie so ernsthaft, dass deutsche Verlage in diesem Jahr mit einer Fülle hochkarätiger Titel aufwarten können. Einer der bekanntesten Schriftsteller ist Martín Kohan, Jahrgang 1967. Er kommt in Sporttrikot und Turnschuhen, wie ihn auch manche Autorenfotos zeigen. Wir treffen uns im Kellergeschoss der ältesten Buchhandlung von Buenos Aires, weil das dazugehörige Café gerade stillgelegt wurde. Dafür machen wir es uns in schweren Wohnzimmersesseln des gehobenen bürgerlichen Stils gemütlich, umgeben von Büchern zu Geschichte und Jurisprudenz. Die passende Umgebung für diesen scharfsinnigen literarischen Kopf, dessen Bücher weniger von Ereignissen als von den Ablagerungen dieser Ereignisse im Bewusstsein handeln.

          „Ich mache keine Probeläufe“

          Zwei frühere auf Deutsch erschienene Romane - „Sekundenlang“ aus dem Jahr 2007 und „Zweimal Juni“, 2009 - ordnen das Geschehen mit Hilfe einer Zeitachse, die von Schlüsseldaten der argentinischen Geschichte bestimmt wird. Im ersten Roman sind es der Boxkampf des Lokalmatadors Luis Ángel Firpo gegen den amerikanischen Weltmeister Jack Dempsey sowie das legendäre Gastspiel der Wiener Philharmoniker unter Richard Strauss, die in Buenos Aires Mahlers Erste Sinfonie aufführen, beides Ereignisse des Jahres 1923, die ein halbes Jahrhundert später von einer Provinzzeitung zu einem Gedenkartikel verarbeitet werden. Überzeugender, knapper und wirklich zum Gruseln erzählt Kohan in „Zweimal Juni“ von der Euphorie um die argentinische Nationalmannschaft mit dem jungen Maradona bei den Weltmeisterschaften von 1978 und 1982 und kontrastiert den kollektiven Fußballtaumel mit Innenansichten des Folterstaats.

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